Kristina Moninger – Hundert kalte Winter

Posted on 13. Mai 2020 by Dörte

=======================================================

18.09.18 | 336 Seiten | Tinte & Feder | Autorin

Wenige Sekunden sind genug, um einem anderen Menschen Hoffnung zu geben und die eigene für immer zu begraben. Sekunden, nach denen für Sandra und ihre Familie nichts mehr ist, wie es früher war, und sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffen hat: Sie muss ihren Sohn Jonah loslassen, damit ein anderes Kind weiterleben darf.

Katharina bangt um ihre jüngste Tochter Mila. Das Kind hat einen schweren Herzfehler und lebt nach mehreren erfolglosen Operationen mit einem externen Kunstherz. Das einzige, was Mila retten kann ist eine Herztransplantation.

Zwei Frauen, die sich vermutlich nie begegnet wären, wenn das Schicksal ihre Wege nicht zusammengeführt hätte. Zwei Familien, deren Lebens- und Liebesglück auf dem Spiel steht. Denn was geschieht, wenn Sandra das Kind kennenlernt, in dem Jonahs Herz schlägt?

=============================================

 

 

 

„Schätzchen, hundert kalte Winter, denk immer dran. Du hast noch hundert kalte Winter vor dir und mindestens hundert warme Sommer mit hundert Kugeln kaltem Eis.“

 

 

Ich habe schon lange nicht mehr ein so herzzerreißendes Buch gelesen. „Hundert kalte Winter“ hat mich mehr als einmal total an meine emotionalen Grenzen gebracht. Die Geschichte wirkte auf mich so echt, genau wie die gesamten Figuren, die darin mitspielen. Ständig habe ich meinen eigenen Sohn vor Augen gehabt, was in diesem Zusammenhang einfach nicht zu ertragen gewesen ist. Aber mal der Reihe nach:
Gleich zu Beginn lernen wir die erste Protagonistin kennen: Sandra ist gerade sehr im Stress. Sie ist mit ihrem Sohn Jonah unterwegs. Es ist mitten im Winter, die Straßen sind sehr glatt. Es geschieht das Schrecklichste, was passieren kann: Ein Aufprall und dann ist alles schwarz. Nach dieser Einleitung springt die Handlung weiter zur zweiten Protagonistin: Katharina ist Mutter von zwei Mädchen. Gerade um ihre Jüngste macht sie sich große Sorgen, denn diese hat/te einen Herzfehler und ist mit einem mobilen Herz ausgestattet gewesen. Die Szenen waren die Ersten, die mich echt erschüttert und mir die Tränen in die Augen getrieben haben. Ich möchte es mir überhaupt nicht vorstellen, mein eigenes Kind so zu sehen. Hilflos mit ansehen zu müssen, wie es leidet. Mir liefen schon ziemlich früh die ersten Tränen und ich musste auch des Öfteren mal eine Pause einlegen, weil ich es emotional nicht ertragen konnte und mich meine Gefühle schier überwältigten.

Die Angst um das eigene Kind war das Primitivste und zugleich Kraftvollste, was ein Mensch empfinden konnte.

Die Autorin hat alles so real auf mich wirken lassen, dass ich mich sowohl in Katharina, als auch in Sandra wiedergefunden habe.  Beide haben mit einem großen Leid zu kämpfen, mit dem sie stellenweise alleine schon nicht klar kommen. Ich trug irgendwann beide Päckchen mit mir rum und drohte unter der Last zu zerbrechen. Ich kann es schwer beschreiben, welche Gefühle die Worte Moningers in mir ausgelöst haben. Dass sie es geschafft hat, mich tausend Taschentücher verbrauchen zu lassen, mich aber auch gleichzeitig durch wirklich witzige Szenen immer mal wieder zum Lachen gebracht hat, spricht auf jeden Fall für sie. Dies ist auch ein wichtiger Punkt: Es ist zwar in der Tat schwer zu verkraften, was man da vor Augen hat, die Autorin bindet aber immer mal wieder Szenen ein, die die Sonne scheinen lassen. So hat ihre große Tochter mit ihrem Freund etwas ausgeheckt, wo ich laut lachen musste. Ich fand es sehr angenehm, so kurze Verschnaufspausen zum Durchatmen zu bekommen.
Wie der Zufall es will, treffen beide Protagonistinnen und auch beide Familien aufeinander. Dabei ist zu beobachten, wie sie mit den einzelnen Schicksalen umgehen. Kristina Moninger zeigt, wie unterschiedlich Sandra und Katharina mit ihrer Trauer, ihrer Angst und auch ihrer Wut umgehen. Sehr realistisch zeigt sie, wie verwundet Sandra ist und niemanden an sich ranlassen möchte. Und auch, was solche großen Schicksalsschläge mit der Beziehung, der Ehe machen können. Manche zerbrechen, manche wachsen weiter zusammen. 

„Man kann sich nicht verlieren, wenn man sich im Blick behält.“

Ich fand es spannend zu lesen, wie sich beide Familien entwickeln. Welche Personen sich näher kommen, und welche vielleicht nicht so gut miteinander auskommen. Ganz wichtig ist ebenfalls, dass nicht nur Katharina und Sandra die Erzählung übernehmen, sondern auch Katharinas älteste Tochter Nele zu Wort kommt. Gerade ihre Gedanken und Gefühle fahren Achterbahn, da sie sich mitten in der Pubertät befindet und natürlich auch alles schon richtig mitbekommen hat, was mit ihrer Schwester vor ein paar Jahren geschah.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass es noch zu einem Plot twist kommen wird, doch auch in „Hundert kalte Winter“ ist einer vorhanden, mit dem ich so überhaupt nicht gerechnet habe. Er hat mich sehr überrascht!
Zum Ende möchte ich noch auf die temporeiche, bildlich, poetische Schreibweise der Autorin eingehen. Ich liebe es, wie sie schreibt. Wie sie alles beschreibt, ihre Figuren zeichnet und was sie für Worte findet. Ich habe so viele Zitate markiert, dass es mir sehr schwer gefallen ist, die obligatorischen drei für diese Rezension auszusuchen. Aus diesem Grund sind es dieses Mal auch vier geworden, obwohl selbst das zu wenig ist.

So war das im Leben, oder? Man verletzte immer die Menschen, die einem am wichtigsten waren und tat sich selbst dabei am meisten weh.

Ich bin von „Hundert kalte Winter“ absolut begeistert, auch wenn mich dieser Roman an meine emotionalen Grenzen gebracht hat. Sensible Mütter, wie ich zweifellos eine bin, haben an der Geschichte wirklich zu knabbern. Nichtsdestotrotz hat mir einfach alles an diesem Buch gefallen. Es ist bildlich geschrieben, temporeich und bietet absolut sympathische, starke Figuren, die man alle lieb gewinnt. Zudem zeigt es ehrlich, wie die Trauerbewältigung sein kann und was diese so alles mit sich bringen kann. Ein wirklich starker Roman, voller Gefühle, der mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte!

************************************************************************************************************************

 

Voller Gefühle | Hundert kalte Winter

 

Auch sehr lesenswert und voller Gefühle: Wenn gestern unser morgen wäre

 

 

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann mach doch auch andere darauf aufmerksam!

3 Comments

  • Dana 17. Mai 2020 at 11:21

    Hallo liebe Dörte,

    oh wow, das klingt nach einem sehr berührenden Buch mit einer sehr emotionalen Thematik! Es freut mich zu lesen, dass es dich überzeugen konnte, auch wenn es mich nicht direkt anspricht.

    Liebe Grüße
    Dana

    PS: Ich veranstalte in zwei Wochen einen Lesemarathon, vielleicht hast du ja Lust, teilzunehmen. 🙂

    Reply
    • Dörte 18. Mai 2020 at 9:57

      Liebe Dana,
      es ist auch ein sehr emotionales Buch. Ich hatte zwar schon damit gerechnet, dass es mich berühren würde, wie sehr, hätte ich jedoch nicht gedacht.

      Nun zum Lesemarathon: Ich habe dir schon auf deinem Blog geantwortet. Prinzipiell wäre ich schon gerne mit dabei. Aber erstmal habe ich am 30. Geburtstag und dann kann ich auch nicht den ganzen Tag lesen, da ich gern die Zeit mit meiner Familie verbringe. Die ist leider ziemlich rar gesät. Wir werden am 30. unterwegs sein. Aber ich denke, dass ich mir abends sicherlich ein Buch schnappen und beim Marathon vorbei schauen kann. 🙂
      Vielen Dank für die Einladung!
      Alles Liebe
      Dörte

      Reply
  • Aussortiert: Anlegen, zielen, feuern, die Erste | Auf der Abschussliste 19. Mai 2020 at 11:06

    […] Fall noch als Print zulegen muss, weil ich es so toll fand. Ganz oben stehen da die Bücher von Kristina Moninger. Schaut euch die unbedingt mal an. […]

    Reply

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.