Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Posted on 4. November 2019 by Dörte

Original: The Silent Patient
02.05.19 | 384 Seiten | Knaur | Autor | Leseprobe | Kaufen

Blutüberströmt hat man die Malerin Alicia Berenson neben ihrem geliebten Ehemann gefunden – dem sie fünf Mal in den Kopf geschossen hat. Seit sieben Jahren sitzt die Malerin nun in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Und schweigt. Kein Wort hat sie seit der Nacht des Mordes verloren, lediglich ein Bild gemalt: Es zeigt sie selbst als Alkestis, die in der griechischen Mythologie ihr Leben gibt, um ihren Mann vor dem Tod zu bewahren. Fasziniert von ihrem Fall, setzt der forensische Psychiater Theo Faber alles daran, Alicia zum Sprechen zu bringen. Doch will der Psychiater wirklich nur herausfinden, was in jener Nacht geschehen ist?

Dieses Buch wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

 

 

 

Es galt, keine Zeit zu verschwenden, denn Alicia war verschwunden. War ganz einfach nicht mehr vorhanden. Und ich hatte vor, sie wiederzufinden.

 

 

Alicia und ihr Mann Gabriel sind ein typisches Ehepaar.  Wirklich? Warum hat die Protagonistin ihn dann erschossen? Hat sie ihn überhaupt erschossen? Diese und noch viele Fragen mehr stellt man sich, wenn man sich diesen unglaublich spannenden Thriller zur Hand nimmt.
So wirkt alles sehr idyllisch zwischen den Eheleuten. Alicia teilt uns ein Stück ihrer Vergangenheit nämlich immer mal wieder als Tagebucheintrag mit. Gerade diese Art von Informationen kamen bei mir sehr gut an. Ich konnte mich gut mit ihr identifizieren und hatte schon ziemlich schnell eine Bindung zu ihr aufgenommen. Dies führte dazu, dass ich noch neugieriger auf die Auflösung wurde, als ich ohnehin schon gewesen bin.
Alicia ist erfolgreich, sie scheint allerdings auch ein paar Probleme zu haben, die man am Anfang als Leser natürlich noch nicht präsentiert bekommt. Hier und da wirft Alex Michaelides immer mal wieder einen kleinen Satz ein, wie „Oder bin ich etwa doch wie meine Mutter?“ und stellt dem Leser so eine erneute Frage: Was ist denn bitte auch noch mit der Mutter?

Ich weinte um uns alle. Überall ist so viel Leid, und wir verschließen einfach unsere Augen davor. Die Wahrheit ist, dass wir alle Angst haben. 

Durch diese geschickten kleinen Cliffhanger rast man nur so durch die Geschichte. Die kurzen Kapitel sind da durchaus förderlich, denn ich dachte mir immer: „Ach komm, dieses eine Kapitel noch.“ Dass es bei diesem einen nicht blieb, liegt am unfassbaren Tempo und an der nie enden wollenden Spannung, die einen wirklich ans Buch klebt.
Es gibt viel zu entdecken und auch einige Figuren betreten die Bühne. Allen voran ist hier natürlich Theo zu erwähnen, der Psychologe, der sich Alice annimmt. Der sie zum Sprechen bringen möchte. Theo ist sehr ehrgeizig,  manchmal sogar ein Stück arrogant, hat aber auch selbst mit privaten Dingen zu kämpfen. In seiner Ehe läuft es nicht mehr rund, doch er kann sich sein Leben nicht mehr ohne seine Ehefrau vorstellen. Dieses Drama findet allerdings eher im Hintergrund statt und macht den Psychologen ein bisschen greifbarer, verletzlicher, authentischer. Zudem bewirkt diese Geschichte, das man im Bezug auf Alice mal ein bisschen durchschnaufen und nachdenken kann. Es wirkte, wie eine Pause auf mich, brachte die eigentliche Geschichte aber keinesfalls zum Erliegen.

„Aber wahre Liebe ist sehr ruhig, sehr gleichmäßig. Sie ist langweilig und hat nicht viel mit Drama zu tun.Liebe ist tief und gelassen – und konstant.“

Was der Psychologe alles anstellt, um Antworten zu bekommen und um welche es sich schließlich handelte, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Hinzu kommen noch mehr Fragezeichen, die einem über dem Kopf schweben, weil man keinerlei Ahnung hat, wie sich die verschiedenen Puzzleteile zusammenfügen werden. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, bin verschiedene Thesen durchgegangen, doch nie war ich auf der richtigen Fährte. Das spricht für den Autor! Ich kann von mir behaupten schon einiges gelesen zu haben, doch was Alex Michaelides hier abgeliefert hat, habe ich nur selten erlebt.
Am Ende hatte ich viele Aha-Erlebnisse. Alles ergab einen Sinn. Ich habe mich tatsächlich gefragt, warum ich da nicht von selbst drauf gekommen bin. Diese Frage kann ich mir jetzt selbst beantworten: Weil Alex Michaelides mich die gesamte Zeit über absolut gekonnt in die Irre geführt hat.

„Einen Menschen zum geliebten Partner zu erwählen ist in Etwa so, wie einen Therapeuten zu wählen. […]“

Es ist erfrischend zu erfahren, dass man als Thriller Leserin eben doch noch nicht alles kennt. Dass man nicht gleich weiß, wohin einen die Reise führen wird. Alex Michaelides hat es geschafft, mich mit „Die stumme Patientin“ total in die Irre zu führen und mich immer wieder zu überraschen. Der Thriller lebt von der Spannung und dem rasanten Tempo und lässt mich auch jetzt noch nicht los. Für mich ein absolut gelungenes Debüt, voller Überraschungen. Chapeu!

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Weitere Rezension: Between the lines

 

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2 Comments

  • Martinas Buchwelten 6. November 2019 at 17:09

    Hallo Dörte,
    mir hat „Die stumme Patientin“ ledier gar nicht gefallen, aber ich habe schon bemert, das der „Thriller“ sehr polarisiert. Ich bin bei Thrillern mittlerweile SEHR heikel geworden…ich lese ja schon jahrelang sehr viel in diesem Genre und die letzten Jahre wurde ich immer öfters enttäuscht.
    Liebe Grüße
    Martina

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    • Dörte 8. November 2019 at 19:22

      Ach schade, dass dir das Buch nicht gefallen hat, Liebes. 🙁 Ich war endlich mal wieder geflashed, hatte davor aber auch erst kürzlich wieder mit Thriller angefangen. Vielleicht sehe ich es deswegen ein bisschen anders? Ich weiß es nicht. Es ist ja auch immer eine Geschmackssache. Welches war denn der letzte Thriller, der dich so richtig überzeugen konnte?
      Alles Liebe
      Dörte

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