Book) Stories #1/19 – Kinderwunsch, Schwangerschaft, Fehlgeburt

Posted on 7. Juni 2019 by Dörte

Viele von euch haben es sicher mitbekommen, dass es mir momentan alles andere als gut geht. Dabei fing im März alles so gut an. Pünktlich zu meinem Urlaub hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Mein Mann und ich waren ganz außer uns vor Freude. Es stand schon von Anfang an fest, dass unser Mini auf keinen Fall ein Einzelkind bleiben sollte. Wenn unser Pünktchen das Licht der Welt erblicken sollte, wäre unser Sohn zwei Jahre alt. Ein perfektes Alter, wie wir fanden.

 

Komisches Gefühl

Ich konnte meine merkwürdigen Gedanken schon in der Anfangszeit der Schwangerschaft nicht abstellen. Keine Ahnung, wie ich es beschreiben soll. Es war einfach mehr, als nur Angst, das es schief gehen könnte. Die Freude ließ natürlich nicht nach, aber ein komisches Bauchgefühl blieb. Ich rechnete eigentlich jeden Tag mit einer Blutung, weil ich das Gefühl hatte, gleich würde meine Periode kommen. Natürlich ist das Quatsch. Wenn man schwanger ist, bekommt man natürlich nicht seine Regel. Dieser Gedanke und dieses Empfinden ließ mich jedoch nicht los. Mit diesem Gefühl lebte ich. Zu jedem Vorsorgetermin wurde mir ganz schlecht. Ständig rechnete ich damit, das meine Ärztin sagen würde, es ist etwas nicht in Ordnung. Ich wollte mich drauf einstellen, um es nicht mit einem Hammer über die Birne zu bekommen, wenn sie es wirklich sagte.

 

Alles war gut

Aber sie sagte es nie. Die ersten drei Monate konnte ich mich nicht richtig beruhigen. Bei wirklich jedem Termin verbrachte ich die Zeit davor erst einmal unzählige Minuten auf der Toilette, weil ich so Angst hatte und ich dann ständig musste. Jedes Mal hatte ich unfassbar Herzklopfen, war aber gleichzeitig auch mega erleichtert, wenn ich sah, das es unserem Pünktchen gut ging. Die Zeit verging so rasant. Es wuchs so schnell. So richtig mitbekommen habe ich es gar nicht. Schließlich musste ich mich ja auch noch um den Mini kümmern. Da blieb keine Zeit, sich so mit der Schwangerschaft auseinanderzusetzen, wie ich es damals gemacht habe, als ich mit unserem Sohn schwanger war. Ja, manchmal vergaß ich es sogar, in anderen Umständen zu sein. Was gut war. Ich hatte keinerlei Beschwerden, außer dieser komischen Gedanken und die merkwürdigen Gefühle, die wie ein Damoklesschwert über mir kreisten.

 

Bluttest/Genderrevival

Da ich über 35 Jahre bin, wenn auch knapp, aber trotzdem, haben wir uns dafür entschieden, einen sogenannten Fetalis-Test zu machen. Mit diesem wird getestet, ob beim Kind Chromosomenstörungen, wie z.B. Trisomien auftreten. Wir hatten zu keiner Zeit den Gedanken die Schwangerschaft zu beenden, wenn dieser positiv ausfallen würde, wir wollten einfach drauf vorbereitet sein. Ganz egal, was passieren würde. Einfach gerüstet sein. Dieser Test fiel negativ aus. Es gab keinerlei Anzeichen auf Trisomien und andere Dinge, die damit getestet wurden. Ab dem Tag wurde ich ruhiger. Zumindest was die Gesundheit meines Babys angeht. Ab diesem Tag, wo meine Ärztin sagte, es sei alles bestens, sperrte ich meine negativen Gedanken noch vehementer zur Seite. Ich konzentrierte mich nun auf die 15. Woche, denn dort würde mir meine Ärztin sagen, ob wir einen Sohn, oder eine Tochter bekommen würden. Durch den Fetalis-Test hatten wir die Möglichkeit es zu 99,9% zu erfahren. Und das auch noch so früh.

 

Albtraum

Ich war schrecklich nervös und konnte Tag X kaum abwarten. Als ungeduldiger Mensch bin ich fast wahnsinnig geworden mit dem Wissen, das meine Ärztin nun mehr wusste, als wir. Ich wünschte mir ein Mädchen, weil ich selbst auch die kleine Schwester bin und diese Konstellation von großer Bruder und kleine Schwester einfach fantastisch finde. Nichtsdestotrotz stand und steht aber natürlich immer an erster Stelle, dass es dem Baby gut geht. Ob es nun männlich oder weiblich ist. Den Samstag vor meinem Termin trafen wir meine Ärztin beim Einkaufen. Mein Herz schlug und ich habe wirklich kurz überlegt, ob ich sie frage, habe es aber gelassen und mich zusammen gerissen. Den Montag saß ich schließlich mit klopfendem Herzen im Wartezimmer. Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf. Einer davon war: „Jetzt bist du so versessen darauf zu erfahren, was es wird. Was ist denn, wenn sie dir sagt, das etwas nicht stimmt?“ Aber auch diesen Gedanken schob ich erneut von mir. Es ist alles okay, sagte ich mir immer.

 

Nichts ist okay!

Bei der Untersuchung schaute ich auf den Monitor und bildete mir ein, dass sich unser Baby bewegte. Meine Ärztin schallte und sagte gar nichts, was mich nervös machte. Eigentlich zeigte sie mir gleich nach wenigen Minuten den Herzschlag, damit ich vor Erleichterung und Freude losheulen konnte. Heute nicht. Es dauerte ewig. Sie schallte ewig. Ich musste zig Positionen einnehmen, bis sie endlich sagte, dass dort was ist und alles in Ordnung ist. Zuvor drückte sie mir so auf den Bauch, wie sie es 2016 bei Ilias auch getan hat. Es war einfach fürchterlich. Ich bekam noch die Diagnose „Plazenta Preavia“, die Anweisung mein Magnesium zu erhöhen und dann konnte ich endlich fragen, was es wird. Wir sollten einen kleinen Sohn bekommen. Mini wird also großer Bruder eines kleinen Jungen. Die Freude war groß.

 

Von der Angst überschattet

Als ich nach Hause kam, musste ich fürchterlich weinen. Mein Mann war zu Hause, da er an Scharlach erkrankt war, genau wie unser Sohn. Ich war total fertig mit den Nerven, erzählte ihm, was passiert war und auch, dass ich am Mittwoche noch mal zur Kontrolle musste. Ich hatte ein solch schlechtes Gefühl.
Mittwoch wurde ich von meinem Mann begleitet. Er und Mini saßen mit im Wartezimmer und kamen schließlich mit ins Sprechzimmer. Es wurde wieder ewig geschallt, aber ich sah nichts. Ich sah weder Bewegungen, noch einen Herzschlag. Da war nichts. Ich spürte meinen Puls ansteigen, merkte, wie ich in mich zusammenfiel. Auch meine Ärztin sah nichts. Das Ende vom Lied war, dass wir ins Krankenhaus fuhren, wo die Diagnose bestätigt wurde. Missed Abotion in der 15. SSW. Wir hatten (erneut) unser Baby verloren. Unseren Sohn. Unseren Niklas Leander.

 

Operation

Es wurde darüber gefachsimpelt, wie es weiter gehen sollte. Zwei Phasen Geburt, oder eine Phase? Ich wünschte, ich wäre ahnungslos gewesen, aber da wir diese Scheiße ja schon 2016 mitmachen mussten, wusste ich genau, was die Ärzte meinten und verneinte gleich eine zwei Phasen Geburt. Zuerst konnte ich mir einfach nicht vorstellen, erneut mein totes Baby zur Welt bringen zu müssen und dann hatte ich auch keinerlei Ahnung, wie das mit einer Plazenta Preavia überhaupt möglich sein sollte. Es wurde meinem Wunsch entsprochen. Der OP Termin wurde für Freitag angesetzt. Ich wollte es einfach nur hinter mir haben. Wollte dem Schmerz entfliehen. Wollte weglaufen und nichts mehr darüber hören. Gleichzeitig wollte ich meinen Sohn aber auch nicht gehen lassen. Ich wollte mich von ihm verabschieden. So, wie es bei Ilias der Fall war. Damals konnten wir ihn in den Arm nehmen und ihm eine gute Reise wünschen. Bei Niklas war das aber leider unmöglich.

 

Happy Birthday

Ich beschloss jedem Bescheid zu sagen, dass ich bitte nicht zum Geburtstag besucht werden möchte und auch keinerlei Glückwünsche erhalten möchte. Einen Tag nach der schlimmen Nachricht und einen Tag vor dem „Eingriff“ wollte ich einfach nicht feiern. Verständlich, oder? Am 30. Mai war es dann sogar noch eine Spur schlimmer für mich, als ich gedacht hatte. Ich fühlte mich, als würde ich doppelt bestraft werden. Zuerst nimmt man mir meinen Sohn und dann fällt mein Geburtstag aus. Es war schrecklich. Absolut schrecklich. Und das ist noch milde ausgedrückt.

 

Höllische Schmerzen

Wisst ihr, es ist schon ein richtig beschissenes Gefühl, wenn man das, was man liebt loslassen muss. Wenn man sich nicht mal richtig verabschieden kann, ist das noch beschissener. Wir konnten Niklas nicht Auf Wiedersehen sagen. Ich durfte ihn nach der OP nicht mal sehen. Die Ärztin hat mir vor der Operation auf diese Frage auch gesagt, dass es schlicht nicht möglich ist, nun, weil er aus mir rausgeschnitten wird. Von ihm ist nicht viel übrig. Aus diesem Grund durften wir ihn nicht sehen. Er ist eben nicht so zur Welt gekommen, wie Ilias, natürlich und am Stück. Und genau das ist, was mich so mega fertig macht. Ich komme damit absolut nicht klar. Im ersten Moment war ich noch schwanger. Da war ein Baby in mir. Unser Sohn war in mir. Und dann? Dann wache ich auf und da ist nur noch Leere. Ich bin leer. Ich fühle mich so fürchterlich leer und verlassen. Ich bin eine Versagerin. Ich konnte auf unseren Sohn nicht achten. Ich habe ihn verloren. Schon wieder konnte ich kein gesundes Baby zur Welt bringen. Es ist meine Schuld.

 

Post Op

Im Arztbrief steht genau drin, was sie gemacht haben. Für die Ärzte ist Niklas „Abortmaterial“. Ich weiß, dass sie es nicht böse meinen, dass sie neutral an „die Sache“ rangehen müssen, dennoch macht mich das so wütend. Niklas ist kein Aabortmaterial. Niklas ist unser Sohn. Das Baby, was 14 Wochen lang in mir gewachsen ist. Dessen Herzschlag ich gesehen habe, deren Bewegungen ich sogar schon als Flattern und Blubbern gespürt habe. Niklas war ein Baby. Ein kleiner Mensch. Er hat gelebt. Er war ein Lebewesen und ist kein „Material“.
Ich hoffe so sehr, das wir ihn beerdigen können. Dass er vielleicht sogar neben seinem Bruder Ilias einen Platz in der Sonne findet.

 

Zurückgezogen

Seit diesem Tag habe ich mich komplett zurück gezogen. Ich laufe weg und lebe in einer Blase. In dieser Blase ist alles in bester Ordnung. Ich möchte nicht dran erinnert werden, was passiert ist. Ich ertrage es nicht. Ich schaffe es noch nicht mal das Haus zu verlassen. Niemanden außer meinem Mann und meinen Mini kann ich um mich haben. Ich möchte nicht drüber reden. Möchte nicht hören „Alles wird gut“ oder „Du musst stark sein.“ Nein, es ist gar nichts gut und weder möchte ich stark sein, noch schaffe ich das im Moment. Die haben mir meinen toten Sohn aus dem Körper geschnitten, hallo? Was soll daran bitte gut sein? Warum zur Hölle muss ich stark sein? Ich muss gar nichts. Ich erlaube mir traurig zu sein. Ich erlaube mir um Niklas zu trauern. So lange, wie ich es brauche. Ich bin stark, das ich es zugebe zerbrochen zu sein.
Jeden Tag setzen mich meine Männer ein Stückchen zusammen. Mit jedem Lachen des Minis kommt die Sonne in mein Herz zurück. Doch bis es wieder ganz ist, lasst mich bitte, bitte traurig sein. Bitte lasst mich um meinen Sohn weinen. Gebt mir einfach die Zeit, die ich brauche um wieder ganz zu werden. Wenngleich ich genau weiß, dass immer ein Teil von mir zerbrochen bleiben wird.

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8 Comments

  • Nadine's Bücherwelt 7. Juni 2019 at 16:54

    Nimm die die Zeit, die du brauchst, erlaube dir, zu trauern. Wenn du bereit bist zurück zu kommen, werden wir dich alle mit offenen Armen empfangen♥ Ich denke an eure wunderbare Familie und wünsche euch noch ganz viel Kraft!

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  • paperlove 7. Juni 2019 at 20:47

    Liebe Dörte

    Dein Blogeintrag hat mich gerade wahnsinnig berührt. Es tut mir unendlich leid, was du gerade durchmachen musst. Ich wünsche dir ganz viel Kraft in dieser schwierigen Zeit! Nimm dir Zeit, um zu trauern und zu verarbeiten, was passiert ist. Fühl dich gedrückt! ♥

    Liebe Grüsse
    Mel

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  • Dana 9. Juni 2019 at 20:10

    LIebe Dörte,

    es tut mir unglaublich leid, dass du das (erneut) durchmachen musstest. Dein Text hat mich extrem berührt und ich wünsche dir ganz, ganz viel Stärke, um zu trauern und damit klarzukommen! ♥

    Ganz liebe Grüße und eine virtuelle Umarmung!
    Deine Dana

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  • Martinas Buchwelten 11. Juni 2019 at 16:51

    Liebe Dörte,
    lass dir die Zeit die du benötigst! Ich wünsche dir ganz viel Kraft!
    Martina

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  • Dana - Bambinis Bücherzauber 12. Juni 2019 at 9:10

    Hallo Dörte,
    deine Worte haben mich sehr berührt, mir stehen die Tränen in den Augen. Es tut mir so leid für euch. Nehmt euch all die Zeit, die ihr braucht. Ich finde es richtig zu trauern, man kann und muss nicht immer nur stark sein, es ist ein schwerer Verlust, den man nicht einfach so wegsteckt. Ich hoffe einfach nur für euch, dass ihr es gemeinsam schafft irgendwann, wenn ihr soweit seid, wieder aufzustehen :-*
    Lg Dana

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  • Yvo 12. Juni 2019 at 16:40

    Dörte,

    ich hasse Phrasen, aber ich möchte es auch nicht unkommentiert lassen, denn – auch wenn wir uns nicht kennen – du hast mich zu Tränen gerührt.
    Wie du sagst, du musst nicht stark sein. Ein scheiß musst du! Leben solltest du; dir und deiner Liebsten willen. Jeder Verlust braucht Zeit. Nimm sie dir. Lass die anderen reden, aber achte auf dich, bitte.

    LG,
    Yvo

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  • Stempelbavaria 23. Juni 2019 at 10:44

    Liebe Dörte,
    wünsche dir und deinen Lieben ganz viel Kraft, fühl dich gedrückt!
    Daniela

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  • Dörte 25. Juni 2019 at 9:15

    @all: Ich bin jetzt einfach mal so frech, und antworte euch allen gleichzeitig. 🙂
    Vielen Dank für eure aufbauenden Worte und für euer Verständnis. Das bedeutet mir sehr viel. ♥
    Alles Liebe
    Dörte

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