Kristin Harmel – Ein Ort für unsere Träume

Posted on 6. Januar 2019 by Dörte

Original: The Room on Rue Amelie
17.09.18 | 416 Seiten | Blanvalet | Autorin | Leseprobe | Kaufen

 

​Eine große Liebe in Paris zur Zeit des Zweiten Weltkrieges …
New York 1939: Die junge Amerikanerin Ruby liebt das Leben und die Liebe. Als sie den Franzosen Marcel kennenlernt, ist es sofort um sie geschehen – überglücklich nimmt sie seinen Heiratsantrag an und zieht mit ihm nach Paris. Doch die Deutschen haben Frankreich besetzt, und die Lebensbedingungen sind schwierig. Auch Rubys Ehe verläuft kompliziert, denn Marcel scheint etwas vor ihr zu verbergen. Der einzige Halt für Ruby ist die Nachbarstochter Charlotte. Als Marcel den Krieg nicht überlebt, bricht für Ruby eine Welt zusammen. Bis eines Tages ein junger Mann vor ihrer Tür steht – eine Begegnung, die alles verändern wird …

 

„[…] Wenn wir die Finsternis besiegen wollen, müssen wir selbst den Weg zum Licht finden. […]“

 

 

Die Figuren in „Ein Ort für unsere Träume“ sind so stark gezeichnet, dass ich unbedingt zuerst auf sie eingehen möchte. Am Anfang steht natürlich Ruby. Die Amerikanerin verliebt sich in einen Franzosen und wandert der Liebe wegen aus ihrem Land aus. Selbst als der Krieg vor der Tür steht, weigert sie sich standhaft in ihre alte Heimat zurück zu kehren. Ruby ist stärker als ihre Unscheinbarkeit vermuten lässt. Ihre Entwicklung im Verlauf der Geschichte ist immens.
Marcel ist die große Liebe von Ruby und der Grund, weshalb sie Amerika den Rücken gekehrt hat. Er ist sehr charmant und liest seiner Frau die Wünsche von den Augen ab. Kurz vor Kriegsbeginn bemerkt man jedoch, wie sich Marcel Seite um Seite verändert, bis er nicht mehr der Mensch ist, der er einmal war. Nichtsdestotrotz ist Ruby traurig über seinen Tod.
Die süße Charlotte ist in ihren jungen Jahren schon reifer, als es einen vermuten lässt. Die Kleine ist Jüdin und die Nachbarin von Ruby. Ihre Eltern sind bodenständige Leute, die keiner Menschenseele irgendetwas Böses wollen. Sie glauben selbst während des Krieges noch an das Gute im Menschen.

„[…] Und man kann etwas nicht nur dann lieben, wenn es einfach ist, oder? Das ist keine echte Liebe.“

Man denkt, dass man über den Krieg  schon viel weiß, dass einen nichts mehr erschüttern kann, hat man doch schon so viele Romane und Sachbücher gelesen, sowie Filme des dritten Reichs gesehen. Doch dann kommt Kristin Harmel mit dieser Geschichte um die Ecke und verändert einfach alles. Dabei lässt das Cover einen nicht vermuten, wie viel Tiefe, Gefühl und Trauer in diesem Roman steckt. Das alles wird überwogen von Liebe und die dazugehörige Hoffnung auf ein gutes Ende. Dies ist das, was mir am meisten gefallen hat: Es scheint alles aussichtslos zu sein und doch hofft Ruby darauf, dass der Krieg endet und sie den Ort aus ihren Träumen noch bereisen, an ihm leben kann. Ganz speziell die Entwicklung, die Ruby durchmacht hat mir sehr imponiert. Sie ist eine unfassbar starke Frau.
Wie Kristin Harmel die Geschichte erzählt, finde ich ganz hervorragend. Sie beschreibt erst ihre Figuren, malt sie langsam aus, lässt sie den Leser ans Herz wachsen. Diese bilden die Säulen für ein wundervolles Kunstwerk: Die restliche Geschichte, die sich Stück für Stück zu einem großen Ganzen entwickelt, der einem den Atem rauben wird.
An großen Emotionen mangelt es diesem Roman ebenso wenig wie an Spannung. Schon zu Beginn konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Auf den letzten hundert Seiten war ich mit der Geschichte letztendlich verwachsen: Ich konnte einfach nicht mehr aufhören, da der Spannungsbogen seinen Höhepunkt erreicht hatte und ich mich nicht mehr losreißen konnte.

„Manchmal muss man an Dinge glauben, die man nicht sehen kann.“

Ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Charlotte und ihre Eltern natürlich einen schweren Stand hatten und dass dort auch noch etwas passierte, was mir den Hals zuschnürte. Kristin Harmel hat mir vor Augen geführt, wie schnell die Kinder im dritten Reich erwachsen geworden sind. Von kindlicher Naivität war weder bei Charlotte, noch bei den anderen Kindern, die den Schauplatz betreten, etwas zu bemerken. Mehr als einmal wurde ich niedergetrampelt von den Dingen, die das Mädchen sagte, weil man in so jungen Jahren nicht mit so einer, ja, Weisheit rechnet.
Rubys Schicksal hat mich gleichermaßen beeindruckt wie erschüttert. Bei vielen Tatsachen habe ich die Luft angehalten, weil ich schlicht noch nie etwas davon gehört hatte. Umso tragischer war es für mich, diese Dinge zu lesen. Kristin Harmel hat außerordentlich gut für ihren Roman recherchiert. Dies merkt man nicht nur daran, dass sie in ihrem Nachwort darauf zu sprechen kommt, sondern auch daran, wie detailliert sie die Geschehnisse der 40er Jahre wiedergibt. Die Denkweise und die Emotionen der einzelnen Figuren bringt sie sehr authentisch rüber. Ich habe jedem Charakter sowohl ihre Handlungen, als auch ihre Gefühle abgenommen. Noch dazu drückt man als Leser die ganze Zeit die Daumen, dass ihnen bloß nichts geschehen wird. Sie sind nicht nur einfache Figuren aus einem fiktiven Roman, sondern sie werden zu Freunden in einer Zeit, die von Ungerechtigkeit, Machtgier, Verbrechen, ja dem Krieg überschattet wurde. Noch dazu ist dieser Roman nicht gänzlich fiktiv, sondern beinhaltet ein ganzes Stück Wahrheit, wenn es um die Vorgehensweise der Nazis und dem Verlauf des zweiten Weltkriegs geht. Ich kann meine Gefühle zu diesem Roman nicht in Worte fassen. Keine Ahnung, wann mich das letzte Mal eine Geschichte so zu Tränen gerührt hat.

„[…] Manchmal kann alle Liebe dieser Welt einen Menschen nicht vor seinem Schicksal bewahren.“

„Ein Ort für unsere Träume“ berührt. Es geht zu Herzen und trifft einen tief. Trotz der ganzen Hoffnung, die auf jeder Seite noch über dem Damoklesschwert des Krieges und der Zerstörung schwebt, wird einem ganz schwer ums Herz. Kristin Harmel ist ein wirklich starker Roman gelungen, bei dem man genau merkt, wie gut sie dafür recherchiert hat und wie viel Herzblut sie in die Geschichte, insbesondere in die Figuren, gesteckt hat.

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