Rezension
Mechtild Borrmann – Grenzgänger

Posted on 20. Oktober 2018 by Dörte

01.10.18 | 288 Seiten | Knaur. | Autorin | Leseprobe | Kaufen

 

Die Schönings leben in einem kleinen Dorf an der deutsch-belgischen Grenze. Wie die meisten Familien hier verdienen sich auch die Schönings mit Kaffee-Schmuggel etwas dazu. Die 17jährige Henni ist, wie viele andere Kinder, von Anfang an dabei und diejenige, die die Schmuggel-Routen über das Hohe Venn, ein tückisches Moor-Gebiet, kennt. So kann sie die Kaffee-Schmuggler, hauptsächlich Kinder, in der Nacht durch das gefährliche Moor führen. Ab 1950 übernehmen immer mehr organisierte Banden den Kaffee-Schmuggel, und Zöllner schießen auf die Menschen. Eines Nachts geschieht dann das Unfassbare: Hennis Schwester wird erschossen.
Henni steckt man daraufhin 1951 in eine Besserungsanstalt. Wegen Kaffee-Schmuggels. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.
Die jüngeren Geschwister, die Henni anstelle der toten Mutter versorgt hatte, kommen in ein kirchliches Heim. Wo der kleine Matthias an Lungenentzündung verstirbt. Auch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

 

Danke an den Knaur. Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!

 

 

 

„Wenn man verzweifelt ist, ist die Verzweiflung nicht weit. Und dann ist man verloren.“

 

 

In „Grenzgänger“ begleiten wir die Protagonistin Henni. Um sie herum wird alles aufgebaut. Wir lernen ihre Eltern, ihre Geschwister und auch ihre beste Freundin kennen. Fiebern mit ihr mit und können es kaum fassen, was ihr widerfahren ist. In gerade einmal 284 Seiten erlebt man mit Henni so viel, dass man am Ende völlig außer Atmen ist und Henni einfach nur seinen Respekt zollen kann. Sie ist eine sehr starke Protagonistin. In der Vergangenheit war sie genau so fleißig und stark, wie in der Gegenwart. Sie ist gezeichnet, hat sehr viel durchgestanden, ist aber wie ein Stehaufmännchen. Ans Aufgeben hat sie niemals gedacht. Im Gegenteil, sie kämpft wie eine Löwin für ihre Familie und setzt alles daran, den Tod ihres Bruders Matthias aufzuklären. Sie glaubt zu keiner Zeit an die offizielle Todesursache „Lungenentzündung“.
Bis sie die Antworten bekommt, die sie sucht, dauert es jedoch eine Weile und bis dahin erfährt sie sogar noch viel mehr, als ihr vielleicht lieb ist.

„Man kann nicht hinter den Punkt zurück, den man ungeschehen machen möchte. Man kann nur weitergehen.“

Mir hat es gefallen, wie die Autorin die verschiedenen Figuren gezeichnet hat. Jede hat ihr Päckchen zu tragen und trägt zur Aufklärung bei. Vieles wird aus differenzierten Sichten geschildert, was mir sehr gut gefallen hat. Dazu kommt eine konstante Spannung, und sehr viele Überraschungen, die ich vorher absolut nicht auf dem Schirm hatte.
Besonders erschreckend fand ich die Schilderungen aus dem Kinderheim, in dem die Geschwister von Henni gelebt haben. Da konnte ich nicht umhin, die ein oder andere Träne zu vergießen. Unvorstellbar, dass es damals zu Kriegszeiten üblich war, Kinder so zu „erziehen“. Dies ist bedauerlicherweise jedoch nicht das Einzige, was mich negativ aufgewühlt hat, denn auch Hennis Vater ist kein, ich nenne es mal einfacher Zeitgenosse. An dieser Stelle möchte ich aber natürlich nicht zu viel verraten.
Trotz der doch eher wenigen Seitenzahl, habe ich eine Weile gebraucht, bis ich die Geschichte gelesen hatte. Ich brauchte hin und wieder eine Pause, da mich viele Szenen sehr aufgewühlt haben. „Grenzgänger“ liest man nicht mal eben zwischendurch, dafür ist es zu schwere Kost. Man muss sich Zeit nehmen, um alles zu verinnerlichen. Man reist durch die Zeit und nimmt Hennis Rolle an, was wahrlich keine leichte ist.

„Diese Dunkelheit, die kriecht durch deine Augen in dich hinein, saugt die Erinnerung an Licht und Farben auf und füllt dich mit Schwarz, bis du nicht mehr atmen kannst.“

„Grenzgänger“ ist ein starkes, erschreckendes, nachdenklich stimmendes Buch, dass eine konstante Spannung und eine äußerst starke Protagonistin zu bieten hat. Die Reise durch die Nachkriegszeit hat mich ebenso beeindruckt, wie der Zeitstrang der Gegenwart. Die Geschichte fügt sich nahtlos zusammen und konnte mich sehr berühren. Mechtild Borrmann entwickelt sich mehr und mehr zu eine meiner liebsten Autorinnen, die es versteht, mit nur wenigen Worten unfassbar viel zu erzählen.

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