(Kurz) Rezension:
Louise O’Neill – Du wolltest es doch

Posted on 23. Oktober 2018 by Dörte

Original: Asking for it
25.07.18 | 368 Seiten | Carlsen | Autorin | Leseprobe | Kaufen

 

Emma ist hübsch und beliebt, die Jungs reißen sich um sie. Und sie genießt es, versucht, immer im Mittelpunkt zu stehen: Das Mädchen, das jeden herumkriegt. Bis sie nach einer Party zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrem Haus aufwacht. Klar, sie ist mit Paul ins Schlafzimmer gegangen. Hat Pillen eingeworfen. Die anderen Jungs kamen hinterher. Aber dann? Sie erinnert sich nicht, aber die gesamte Schule weiß es. Sie haben die Fotos gesehen. Ist Emma wirklich selber schuld? Was hat sie erwartet – Emma, die Schlampe in dem ultrakurzen Kleid?

 

 

 

Ich habe keine Kontrolle über das, was geschieht.

 

 

Dieses Buch war so präsent in der Bloggerwelt zu sehen, dass ich mich irgendwann nicht mehr dagegen wehren konnte und es unbedingt lesen musste. Es gibt bei „Du wolltest es doch“ zwei Seiten von Kritik: Die Einen sagen, wie emotional und schrecklich diese schwere Thematik umgesetzt wurde und die Anderen finden, gerade das Ende, bedenklich und unpassend umgesetzt, weil es so eine falsche Botschaft übermittelt. Ich habe diese Diskussionen verfolgt und war irgendwann so neugierig drauf zu erfahren, wie ich es empfinden würde, dass ich mir das Buch auf einer spontanen Runde schließlich gekauft habe.
Ich muss zugeben, dass ich den Einstieg ganz fürchterlich fand. Besonders die Protagonistin ist mir so dermaßen auf die Nerven gegangen, dass ich tatsächlich mit mir gerungen habe, ob ich das Buch nun weiter lese, oder nicht.
Der wirklich gute Schreibstil und meine Neugier haben letztendlich gesiegt, was ich nicht bereut habe.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich ein bisschen auf den Inhalt eingehen werde und ich daher nicht auf Spoiler verzichten kann. Wer dieses Buch noch lesen möchte, liest also gleich beim Fazit weiter, oder nimmt dies hin und liest hier weiter.
Wie schon gesagt, war mir Emma sehr unsympathisch. Beim weiteren Verlauf konnte ich diese Vorgehensweise der Autorin jedoch nachvollziehen. Mir sind viele Gedanken durch den Kopf gegangen, während ich verfolgte, was Emma zugestoßen ist. Bei den Dingen, die sie durchmachen musste, handelt es sich keinesfalls um lapidare Sachen.
So will ich mir den Tod vorstellen. Ich will glauben, dass Sterben genauso einfach ist wie Einschlafen.
Die Autorin beschreibt sehr detailliert und grausam, was geschah und wie das Mädchen damit umgeht. Während ich ihre Geschichte las, hatte ich Mitleid, war geschockt von der Tat. Als wäre diese nicht schon schlimm genug, prasselt noch viel mehr auf Emma ein, mit dem sie umgehen muss.
Das zu verpacken ist für die Protagonistin sehr schlimm, aber auch den Leser berührt und schockiert es sichtlich. Jede einzelne Regung, eben alle Emotionen trafen mich tief. Wie Gewehrsalven wurde sie auf mich abgefeuert und fanden stets ihr Ziel: Mitten in mein Herz.
Die eher negativen Stimmen, die es zu diesem Titel gibt, kann ich eher nicht nachvollziehen. Ich fand die Geschichte schlüssig und realistisch. Klar gibt es verschiedene Perspektiven und verschiedene Meinungen. Jeder empfindet Geschriebenes anders. Bei dem einen kommt Botschaft X an, bei dem anderen Botschaft Y. Für mich ist es sogar noch eine andere: Nein heißt nein! Ganz egal, ob ich betrunken bin, oder einen kurzen Rock trage. Nichts(!) gibt einem Menschen das Recht einem anderen Menschen so etwas anzutun! Hier, bei „Du wolltest es doch“ habe ich es auch nicht so empfunden, dass Emma aufgab, sondern eher darin, dass sie endlich wieder Ruhe wollte. Nach den gesamten Aktionen, die sie erleiden musste, kann ich das sogar verstehen. Und wenn ich ehrlich sein soll, hat mich das auch überhaupt nicht überrascht. Irgendwann kann man einfach nicht mehr kämpfen und wenn man so alleine gelassen wird, wie es bei Emma der Fall ist, ist es nicht verwunderlich, wenn man irgendwann wieder seinen Frieden möchte. Auch, wenn man dafür vielleicht den – vermeintlich – falschen Weg geht/gehen muss.
Aber ich wache nicht auf. Ich falle einfach weiter, falle endlos ins Nichts und warte immer noch darauf, unten anzukommen.

„Du wolltest es doch“ ist ein erschreckend ehrliches Buch, welches mich zutiefst erschüttern und berühren konnte. Das schwere Thema wurde stark umgesetzt. Die gesamte Geschichte regt zum Nachdenken an und polarisiert. Gerade dies finde ich sehr wichtig, denn so wird darüber gesprochen. Emma macht eine ziemliche Entwicklung durch, welche von der Autorin realistisch dargestellt werden konnte.
**************************************************************************************************************************************

 

Weitere Rezension: Bücherfantasie
Dir hat der Beitrag gefallen? Dann mach doch auch andere darauf aufmerksam!

2 Comments

  • InaVainohullu 23. Oktober 2018 at 23:30

    Liebe Dörte,

    was für eine schöne, weil so ehrliche Rezension. Ich stehe bei diesem Buch ja eher auf der Befürworterseite und hab lange versucht den Leuten die Botschaft hinter der Geschichte zu erklären. Bei vielen kam das, so denke ich, komplett falsch an. Vielleicht auch weil man sich nicht so gern auf solch schwere Thematiken einlässt, was schade ist. Für mich ist es, auch aus persönlichen Gründen, eines der wichtigsten und eindringlichsten Bücher des Jahres gewesen.

    Liebe Grüße Ina

    Reply
    • Dörte 31. Oktober 2018 at 10:44

      Liebe Ina,
      entschuldige bitte, dass ich dir jetzt erst antworte. Ich habe es u.a. wegen der Geburtstagsfeiervorbereitung des Minis leider nicht früher geschafft. 🙁
      Ich bin auf das Buch tatsächlich durch dich so richtig aufmerksam geworden. Es hat mich neugierig gemacht, was du darüber gesagt hast und ich fand es einfach toll, wie sehr du dich für die Geschichte eingesetzt hast. Ich wusste ehrlich gesagt schon, worauf es wohl hinauslaufen wird, aber dies zu wissen hat es tatsächlich noch spannender für mich gemacht.
      Ich gehöre auch voll zu denen, die dieses Buch absolut befürwortet und kann ebenfalls aus persönlichen Gründen deinen letzten Satz absolut unterschreiben.
      Hab einen schönen Tag.
      Alles Liebe
      Dörte

      Reply

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.