Rezension:
Sinead Moriarty – Wie wir waren

Posted on 8. Juni 2018 by Dörte

Original: The Way We Were
01.02.18 | 528 Seiten | Piper | Autorin | Kaufen

 

Alice und Ben sind das perfekte Paar, verbunden durch ihre Liebe, ihre Kinder. Bis Ben mit den Ärzten ohne Grenzen in ein Krisengebiet nach Afrika geht. Kurz darauf erhält Alice die schlimmste aller Nachrichten: Bens Team wurde überfallen, niemand habe überlebt. Plötzlich ist sie Witwe und alleinerziehende Mutter. Alice schwankt zwischen Trauer und Wut auf Ben. Dann lernt sie Dan kennen: gut aussehend, charmant und hilfsbereit. Schließlich gibt sie seinem Werben nach und sagt Ja. Doch am Vorabend der Hochzeit klingelt das Telefon. Es ist Ben. Er lebt, und er will sein altes Leben zurück …

 

Alice weiß genau was sie will und zieht dies auch stets durch. Sie liebt ihren Mann Ben über alles, wenngleich sie manchmal auch ausrasten könnte, da er sehr viel arbeitet und dadurch die Familienzeit zu kurz kommt.
Ben braucht ab und zu Abstand. Er befindet sich mitten in einer Midlifecrisis, die er mit der Reise nach Afrika überwinden möchte. Nichtsdestotrotz liebt er seine Familie sehr, auch wenn ihm Alice manchmal auf die Nerven geht und seine Töchter anstrengend sind. Ben ist ein hilfsbereiter, charismatischer Mann.
„Manchmal muss man sich aber auf das konzentrieren, was man hat, und nicht auf das, was man nicht hat. Glaub mir, Ben, ich hab diesen Fehler gemacht und hätte beinahe meine Familie verloren.“
Am Anfang spielt die Geschichte rund um Ben und Alice in der Gegenwart. Die Protagonistin hat einen neuen Mann kennen- und lieben gelernt und ist nun sogar schon mit ihm verlobt. Doch mitten auf der Feier erreicht sie ein Anruf…
Nach dieser kurzen aber sehr wichtigen Szene, springt die Geschichte knapp zwei Jahre in die Vergangenheit. Nun lernt der Leser nicht nur Alice, sondern auch Ben, und ihre Töchter Jools und Holly kennen. Jools lebt eher so in den Tag hinein. Sie kennt sich besser bei den Kardashians, als in Algebra aus. Ihre Schwester Holly ist ein paar Jahre jünger, aber für ihr Alter unfassbar klug, was sie gerne, sehr zum Ärger Jools, raushängen lässt, ohne dies jedoch böse zu meinen. Das Zusammenleben wirkt am Anfang nicht sehr harmonisch, da Alice gestresst ist durch die Doppelbelastung Arbeit und Kind, aber auch, weil sie allgemein nicht wirklich zufrieden ist. Wie sich das Paar verhält, fand ich sehr nachvollziehbar. Sie lieben sich, brauchen jedoch auch Abstand. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich selbst ein bisschen verloren haben, was die Handlung von Ben nach Eritrea /Afrika zu reisen, für mich schon nachvollziehbar machte. Das Besondere an diesem wundervollen Roman ist, dass der Erzähler springt. Mal geht die Reise nach Afrika zu Ben und seinem Kollegen. Wir erleben, wie sie die Zeit absitzen, sich nützlich machen, unfassbar leiden und vor Heimweh fast sterben. Dann geht es weiter mit Alice und den Kindern. Wie sie ohne ihren Vater versuchen weiterzuleben. Wie sie von verschiedenen Menschen aufgefangen werden, ganz vorne Alice´ Bruder Kevin.
»“Mummy […] hat aber auch gesagt, dass wir dann eben mit ihr über Daddy sprechen müssen, wenn wir traurig sind. […] Mummy hat gesagt, dass wir unsere Traurigkeit rauslassen müssen, sonst würde uns das innerlich krank machen.“«
Doch die besonderen Kapitel, die mich mehr als einmal zu Tränen gerührt haben, sind zweifellos jene von Holly. Sie ist die Einzige, die ihre Sicht der Dinge in der Ich-Form erzählt, was bei mir dazu geführt hat, dass ich gerade die Emotionen dieses Kindes mit aller Wucht gespürt habe.
Wie sich die Familie wegen des vermeintlichen Todes ihres Vaters über Wasser hält, wie sie weiterleben, ist absolut real beschrieben. Trotz dieses schweren Themas, trotz der Trauer hat es Sinead Moriarty geschafft, immer mal wieder einen Sonnenstrahl auf das dunkle Tal scheinen zu lassen. Ja, es existiert auch jede Menge Humor in „Wie wir waren“, was die Ernsthaftigkeit mehr als einmal ein bisschen auflockert.
Wie das Wiedersehen nach der langen Zeit vonstatten ging, hat mir einen dicken Kloß im Hals beschert. Mir war ganz flau im Magen, ganz so, als wäre ich die Hauptfigur und mein Mann wäre plötzlich von den Toten auferstanden. Ich finde es einfach großartig, wie die Autorin es geschafft hat, mich zu einem Teil ihrer Geschichte zu machen.
Wie sich Alice am Schluss entscheidet und wie alle mit dieser großen Überraschung dass Ben noch am Leben ist zurechtkommen, war für mich nachvollziehbar. Ich hatte nicht nur am Ende, sondern zu keiner Zeit das Gefühl, dass irgendetwas an den Haaren herbeigezogen wäre. Für mich ist alles total schlüssig, nachvollziehbar und einfach wundervoll. Von der ersten bis zur letzten Seite.

„Im Leben heißt es schwimmen oder untergehen. Wenn du nicht ertrinken willst, solltest du also langsam mal mit dem Schwimmen anfangen.“

„Wie wir waren“ ist ein außerordentlich gutes Buch, welches mich enorm berührt hat. Es liest sich sehr schnell, ist spannend und so voller Gefühle, dass einem entweder warm ums Herz oder nass in den Augen wird. Die Figuren sind alle auf ihre Art liebenswert, die Geschichte ziemlich oft erschreckend. Ich habe dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite sehr genossen und zähle es schon heute zu einem Highlight in diesem Jahr.
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