Rezension:
Stephanie Butland – Ich treffe dich zwischen den Zeilen

Posted on 19. Oktober 2017 by Dörte

 

Vielen Dank an den Knaur. Verlag für diese Überraschung!

Original: Lost for Words
02.10.17 | 320 Seiten | Knaur. | Autorin | Leseprobe | Kaufen

 

Mit Piercings und tiefschwarz gefärbten Haaren versucht Loveday, die Welt von sich fern zu halten. Sie ist ein wahrer Büchernarr, umgibt sich lieber mit Literatur als mit Menschen und trägt die Anfangssätze ihrer Lieblingsromane als Tattoos auf dem Körper. Wirklich wohl fühlt sie sich nur in Archies Antiquariat. Der alte Mann hat ihr nicht nur einen Job gegeben, er akzeptiert sie vor allem, ohne Fragen zu stellen. Als Loveday Nathan kennenlernt, scheint ihre Welt heller zu werden: Er nimmt sie mit zu einem Poetry-Slam, und die Gedichte öffnen beiden einen Weg, sich die Dinge mitzuteilen, für die ihnen sonst die Worte fehlen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebe. Doch dann werden im Antiquariat Bücher für Loveday abgegeben, die sie zurück in ihre Kindheit führen und schmerzhafte Erinnerungen an eine Familientragödie wecken, die sie nur zu gerne weiter verdrängt hätte. Kann sie mit Archies und Nathans Hilfe endlich mit der Vergangenheit Frieden schließen und über die Ereignisse hinwegkommen, die ihr Leben so sehr erschüttert haben?

 

 

Loveday hat eine schwere Kindheit hinter sich gelassen und verdient sich nun ihren Lebensunterhalt in einer Buchhandlung. Schon in sehr jungen Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur Literatur, die sie in einem kleinen Antiquariat natürlich voll ausleben kann. Loveday hat es nicht einfach im Leben, sie muss ihren Platz erst finden.
Nathan gibt Loveday unbewusst vieles, was sie niemals zu träumen gewagt hätte. Er tastet sich sehr behutsam an sie ran und ist dabei sehr charmant und einfühlsam. Nathan hat ebenfalls eine Schwäche für Wörter und besucht aus diesem Grund regelmäßig Poetry Slams.
Archie ist Lovedays Chef und gleichzeitig auch ihr engster Vertrauter. Er ist so etwas wie eine Art Vaterersatz für sie geworden. Deshalb würde er auch alles für sie tun.
Es geht nicht darum, ob du fällst, sondern darum, wie viele Menschen da sind, die dich aufheben, dein Knie verarzten, dich auf dem Sofa zudecken und mit Büchern und Kakao versorgen, bis es dir wieder besser geht.
Wer sich dieses Buch in die Hand nimmt, wird vielleicht denken, man hat es mit einem Liebesroman zutun und sich auf eine solche Geschichte einstellen. Gleich zu Anfang muss ich sagen, dass es mir anfangs ebenso ging, aber wer einen Liebesroman lesen möchte, ist bei „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ absolut falsch. Ja, es gibt hier und da ein paar Schmetterlinge, die vereinzelt um die Köpfe von Loveday und Nathan herumflattern, diese halten sich aber eher im Hintergrund. Die Geschichte hat nämlich viel mehr zu bieten, als einfach nur eine Romanze, die man in anderen Ausführungen schon zig mal gelesen hat.
Das Buch ist aufgeteilt in drei Abschnitte. Zum einen spielt die Geschichte im Jahre 2016, also ganz aktuell. Hinzu kommen Rückblicke in die Jahre 2013 und in Lovedays Kindheit 1999. Mit ansprechend passenden Illustrationen werden die einzelnen Abschnitte gekennzeichnet, so dass es dem Leser sehr leicht fällt, sich auf die neue Situation einzulassen, wenn die Szenen mal wieder springen.
Besonders die Geschichte rund um Lovedays Kindheit hat mich zutiefst erschüttert und sehr bewegt. Ich finde es bewundernswert, wie sie ihr Leben trotz des erlebten lebt und sich Schritt für Schritt weiter entwickelt. Man spürt als Leser, wie sie sich in jedem Kapitel ein bisschen aus dem Abgrund gekämpft hat. Im Grunde genommen ein anderer Mensch wird und das ohne sich dabei selbst zu sehr aus den Augen zu verlieren. Ich habe die Protagonistn sehr gerne begleitet. Habe ihr zur Seite gestanden und konnte mich demnach überaus gut mit ihr identifizieren.
All die Jahre hatte ich geglaubt, ich wäre meiner Vergangenheit entkommen. Dabei war es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass sie mich aufstöberte.
Sie berichtet die gesamte Zeit aus ihrer Sicht in der Ich-Form und hält dabei auch nicht mit ihren Gefühlen in den einzelnen Lebenslagen hinterm Berg. Diese Emotionen haben mich, speziell am Ende, mit einer solchen Wucht überrollt, dass ich tatsächlich das ein oder andere Tränchen vergießen musste.
Neben der äußerst starken Loveday betreten noch ein paar mehr Figuren die Bühne, die allesamt wichtig sind, die Protagonistin allerdings nicht in den Schatten stellen. Archie, um nur einen zu nennen, ist ein Unikat. Immer ehrlich, gerade heraus und ein herzensguter Mensch. Es ist toll zu lesen, was er schon alles erlebt hat und wie er für seine Angestellte und „Ziehtochter“ Loveday da ist.
Beeindruckt hat mich Stephanie Butlands Schreibstil. Selten habe ich soviel Poesie gesehen und gespürt, wie in diesem Roman. Sie schreibt so locker-leicht. Ich konnte mir alles sehr gut vor Augen führen. Ich war ebenfalls „zwischen ihren Zeilen“ und genoss es absolut dort zu sein. Keine Ahnung, wann ich das letzt Mal so viele Zitate markiert und raus geschrieben habe, wie bei „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“.
Das Einzige, was mich gestört hat ist, dass mir die ausführlichen Beschreibungen ab und zu ein bisschen zu viel geworden sind. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin immer noch mal einen draufsetzen wollte. Das tut der Qualität dieser herausragenden Geschichte allerdings keinerlei Abbruch.
Am Ende musste ich weinen, sehr doll weinen. Und doch habe ich mit einem guten Gefühl das Buch zugeschlagen. Ich denke auch jetzt noch sehr oft über das Gelesene nach.
Archie meint, dass Bücher die besten Geliebten sind und die anspruchsvollsten Freunde. Er hat recht, aber auch ich habe recht: Bücher können echten Schmerz zufügen.
Mit „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ hat mich Stephanie Butland positiv überrascht. Ich hatte nicht mit einer solch wundervollen, tiefsinnigen Geschichte gerechnet, sondern eher einen Liebesroman erwartet, den man schon zig mal in verschiedenen Versionen gelesen hat. Die Autorin setzt auf sympathische Protagonisten, dramatische Szenen und gefühlvolle Handlungen und trifft dabei mitten in Schwarze.
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