Rezension:
Carin Müller – Tage zwischen Ebbe und Flut

Posted on 23. September 2016 by Dörte

Vielen Dank an den Knaur. Verlag, für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!

01.09.16 | 288 Seiten | Knaur. | Autorin | Leseprobe | Kaufen

 

Felix ist 70 Jahre alt. Er spricht aus, was niemand zu sagen wagt, und tut, was sonst niemand tun würde. Seine Erinnerungen sind wie Wellen in seinem Kopf, wogend, nicht festzuhalten. Denn Felix hat Alzheimer.
Um ihm einen Herzenswunsch zu erfüllen, machen seine Ehefrau Ellen, seine Tochter Judith und seine Enkelin Fabienne mit ihm eine Kreuzfahrt. Doch während Felix die Reise als wunderbares Abenteuer erlebt, wird für die drei Frauen die Seereise zu einer Seelenreise durch schwere Gewässer, aber mit Kurs auf sonnige Gefilde.
»“Meine Wüste heißt Felix.“ Ellen zögerte, dann fuhr sie fort: „Nein, das stimmt nicht. Meine Wüste heißt Alzheimer. Ein Sandsturm hat innerhalb kürzester Zeit fruchtbares Land verwüstet und lässt nichts als Ödnis übrig. Da ist es gar nicht so einfach, die nächste Oase zu finden. Manchmal glaube ich sogar, dass es unmöglich ist.“«
Zitat aus: „Tage zwischen Ebbe und Flut“

Meine Meinung:

 

Charaktere

Felix weiß genau, dass er an Alzheimer erkrankt ist und er leidet fürchterlich darunter. Mit seinen 70 Jahren hat er schon einiges erlebt und ist schon seit einiger Zeit mit seiner Frau Ellen verheiratet. Felix trägt sein Herz auf dem rechten Fleck und ist ein äußerst sympathischer Protagonist.
Ellen kommt an einigen Stellen sehr verbittert und herzlos rüber. Am Anfang war sie mir gänzlich unsympathisch, bis ich mich näher in sie reingedacht habe und dementsprechend anfing, ihre Emotionen auf mich wirken zu lassen. Ellen sagt was sie denkt, womit sie manchmal aneckt. In ihrer harten Schale befindet sich ein weicher Kern.
Judith ist ein Workaholic. Sie arbeitet wirklich zu jeder ihr zur Verfügung stehenden Zeit und vergisst sich dabei selbst ziemlich oft. Für ihren Vater würde sie alles machen, schließlich hat sie ein äußerst gutes Verhältnis zu ihm. Zu ihrer Mutter ist es eher angespannt, was noch milde formuliert ist.
Fabienne ist ein typischer Teenager. Sie nimmt Reißaus von ihren Eltern und geht mit ihren Großeltern und ihrer Tante auf Kreuzfahrt. Zwar hatte sie völlig andere Pläne, doch irgendwann fügt sie sich ihrem Schicksal. Fabienne ist sehr herzlich, aber auch ziemlich durchtrieben.
»“Immer gewünscht!“, erklärte er. Ja, das hatte er sich immer gewünscht. Und als die erste kräftigere Brise durch sein Haar fuhr, lachte er glücklich wie ein Kind. Auch Ellen wirkte regelrecht ergriffen. Zumindest umklammerte sie Felix´ Hand und starrte in die Dunkelheit.«
Zitat aus: „Tage zwischen Ebbe und Flut“
Gesamt
Eine Geschichte über Alzheimer zu schreiben ist schwer, sie dabei auch noch gefühlvoll und behutsam umzusetzen gleicht einer enormen Herausforderung. Ich war sehr gespannt, ob Carin Müller dieser Herausforderung gewachsen ist, oder ob sie sich da etwas zu viel vorgenommen hatte.
Schon auf den ersten Seiten lernt man die teils liebenswerten, teils kaltherzigen, jedenfalls macht es einen solchen Anschein, Protagonisten kennen. Mit Judith konnte ich mich sehr leicht identifizieren, mit Ellen eher weniger, da sie mir ein bisschen zu verbittert, ja sogar „kalt“ rüber kam. Erst im Verlauf der Geschichte lernte ich sie besser zu verstehen.
Ich mag es sehr, wie die Autorin ihre Figuren gezeichnet und sie von Seite zu Seite mehr ausgemalt hat. So kommt es, dass jede einzelne Protagonistin im Laufe der Zeit nicht nur eine Seereise unternimmt, sondern auch eine bedeutende, persönliche Reise durchlebt, an die sie noch nicht denken, wenn sie das Schiff betreten.
Jeder einzelne entwickelt sich weiter, was behutsam und Schritt für Schritt geschieht. Man bemerkt als Leser jeden einzelnen von ihnen und lässt sich genau so treiben, wie sich das Schiff im Meer bewegt.
Carin Müller hat sich für die auktoriale Erzählweise entschieden, was ich  absolut begrüße. So hat man einen Einblick in absolut jede Figur und ist immer up to date, was diese gerade machen. Sei es Felix, der sich gerne an Deck das Meer anschaut, oder Fabienne, für die diese Kreuzfahrt natürlich ein enormes Abenteuer ist. Jede einzelne Aktivität bekommt der Leser ebenso mit, wie auch die Gefühlslagen, in denen sich die Protagonisten zu der Zeit befinden.
»“Im Grunde ist das alles Trauer am lebenden Objekt, denn meinen Vater gibt´s schon lange nicht mehr.“«
Zitat aus: „Tage zwischen Ebbe und Flut“
Man fiebert mit, lacht an einer Stelle über einen erneuten Streit von Mutter und Tochter, um im nächsten Moment in Tränen auszubrechen, weil man mit einer solchen Wendung, einer solchen Tragik, neben dem eigentlichen Plot überhaupt nicht gerechnet hat.
Ich war ziemlich schnell eins mit der Geschichte und habe ebenfalls meinen Platz auf dem Schiff gehabt. Jede der Figuren nahm mich an die Hand und führte mich durch diese traumhafte, emotionale, aber auch humorvolle Geschichte.
Die Thematik „Alzheimer“ hat Carin Müller absolut fantastisch umgesetzt! Es kam mir alles absolut echt vor. Stellenweise habe ich ehrlich gedacht, dass alles genau so geschehen ist, wie die Autorin es zu Papier brachte. Trotz der düsteren Wolken, die bei einem solchen Thema natürlich vorwiegend am Himmel schweben, lockert die Autorin durch viel Wortwitz diese Düsternis immer wieder auf. So hat man als Leser Luft durchzuatmen und nicht mehr das Gefühl von dem bedrückenden Gefühl erstickt zu werden.
Besonders gut gelungen empfand ich, dass es sich in „Tage zwischen Ebbe und Flut“ um beide Seiten der Medaille handelt. So liest man, wie es Felix mit seiner Krankheit geht, aber entwickelt auch ein Gefühl davon, wie es seinem Umfeld geht, ihren geliebten Mann, Vater, Großvater so zu sehen. Zu sehen, wie er Tag für Tag immer mehr abbaut. Dies hat mich tief ergriffen.
Die Kreuzfahrt war leider viel zu schnell vorbei und mit ihr das Ende des Romans erreicht, welches mir noch einmal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.
In Kürze:
Positiv
Der Plot ist toll.
Ernstes Thema, mit viel Herz und Gefühl umgesetzt.
Auktoriale Erzählweise.
Emotionen, Emotionen, Emotionen.
Alle Figuren haben genug Farbe bekommen und sind absolut liebenswert.
Die Entwicklung der Figuren ist enorm, und nachvollziehbar.
Es klingt nichts an den Haaren herbeigezogen, sondern wirkt alles absolut echt.
Man ist selbst Teil der Kreuzfahrt.
Am Ende des Buches befindet sich eine Karte, in der die Route des Schiffes eingezeichnet ist.
Negativ
Nichts!

 

Fazit:
Trotz dieser wirklich nicht leichten Thematik, ist „Tage zwischen Ebbe und Flut“ für mich ein Wohlfühlbuch schlechthin. Ich habe es sehr genossen, mit der Familie zusammen auf Kreuzfahrt zu sein und habe sie allesamt in mein Herz geschlossen. Besonders die Umsetzung des Themas „Alzheimer“ und die Entwicklung der Figuren hat mich absolut überzeugt. Wenn ich könnte, würde ich jedem dieses Buch schenken, damit es auch wirklich jeder liest.
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2 Comments

  • Ela 29. September 2016 at 5:44

    Hey,
    ich sehe, Dir hat es also auch gefallen 🙂
    Du hast ein wunderbares Zitat rausgesucht, ich fand es auch so toll wie Felix seine Alzheimer beschrieb. Schon bei diesem Satz musste ich schwer schlucken.
    Danke fürs verlinken!
    Liebe Grüße
    Ela

    Reply
    • Kitty 3. Oktober 2016 at 12:03

      Ja, liebe Ela, es war so wundervoll. ♥ *seufz* Stellenweise traurig, aber dennoch schön.
      Ich habe dich gerne verlinkt. 🙂 Hab noch einen schönen Tag.
      Alles Liebe
      Kitty ♥

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