Rezension:
T. R. Richmond – Wer war Alice

Posted on 8. März 2016 by Dörte

Original: What she left | 29.02.16 | 448 Seiten | Goldmann | Interview | Leseprobe | Kaufen

Alice Salmon war erst 25 Jahre alt, als sie eines Morgens leblos im Fluss gefunden wurde. Eigentlich wollte sie am Abend zuvor nur Freunde treffen, stattdessen durchlebte sie die letzten Stunden ihres Lebens. Aber was ist passiert? Ist sie wirklich gestürzt, weil sie zu viel getrunken hat, wie die Polizei vermutet? War es ein tragischer Unfall? Die Nachricht ihres Todes verbreitet sich wie ein Lauffeuer, auch über Facebook und Twitter. Gleich werden Vermutungen angestellt, über sie, ihr Leben und ihren Tod. Auch ihr ehemaliger Professor Jeremy Cooke ist erschüttert. Er macht sich daran, herauszufinden, was in der Nacht tatsächlich geschah, und sammelt alles über Alice. Er schreibt sogar ein Buch über den Fall. Nur warum ist er so engagiert? Was hat er zu verbergen? Was haben ihr Exfreund Luke und ihr Freund Ben mit der Sache zu tun? Und wer war Alice?

»Mein Name ist Alice Salmon. Fünf von ungefähr tausend Wörtern. Ich hoffe, ich bin mehr als zweihundertmal fünf Wörter. Vielleicht noch nicht jetzt, aber hoffentlich eines Tages.«
Zitat aus: „Wer war Alice“

Meine Meinung:

Charaktere

Alice ist depressiv und allgemein eher unsicher. Sie ist von sich selbst nicht so überzeugt und wird ziemlich oft von ihren Mitmenschen enttäuscht.
Jeremy ist Professor, schreibt Emails an einen Freund und gleichzeitig versucht er herauszufinden, ob es sich bei Alice wirklich um einen Suizid, oder vielleicht doch um einen Mord gehandelt hat.
Elizabeth, die Mutter von Alice, ist untröstlich über ihren Verlust.
Megan ist die beste Freundin von Alice und verarbeitet ihre Trauer in einem Blog.
Luke, der Freund von Alice, hat kurz vor Alice ihrem Tod etwas angestellt, was dazu führte, dass die Protagonistin erstmal eine Pause in der Beziehung einlegen wollte. Luke liebt Alice abgöttisch und kommt mit der Trauer nur schwer klar.

»Lass dich nie von jemanden behandeln, als wärst du nichts Kostbares, hatte Dad zu mir gesagt, doch Ben mit einem ekelhaften Aftershave und mit seiner vom Rasieren geröteten Haut tat genau das.“«
Zitat aus: „Wer war Alice“

Gesamt
Nachdem ich dieses Buch beendet hatte, musste ich das Gelesene erst einmal sacken lassen. Bei Wer war Alice handelt es sich nämlich keineswegs um einen Roman, welchen man mal eben schnell weg liest, sondern um eine Geschichte, die wahnsinnig viel an Tiefe zu bieten hat, sowie jede Menge Raum für die eigenen Gedanken lässt. Gerade dies liegt wahrscheinlich in der Absicht des Autors: Dass man selbst einmal überlegt, wie man in so einer Situation handelt, welchen Gerüchten man Glauben schenkt und welche Gerüchte sich vielleicht doch noch als Wahrheit herausstellen.
Außerdem zeigt der Autor ebenfalls das Problem der sozialen Medien auf: Man ist überall erreichbar und leicht zu orten, welches in manchen Situationen eben einfach nicht sicher, doch so selbstverständlich ist, dass man da nicht mehr weiter drüber nachdenkt.
Ich muss sagen, dass mir der Einstieg ein bisschen schwer fiel, denn das gesamte Buch ist anders aufgebaut, als man es gewohnt ist. Hier wird nicht einfach nur der Text runter geschrieben und ein paar Überraschungen eingebaut, sondern wir lesen viele Blogeinträge, private Tagebucheinträge der verstorbenen, sowie Emails, Zeitungsartikel und auch diverse Postings von Twitter. Gerade diese doch besondere Art des Aufbaus, hat mich an einigen Stellen etwas aus der Geschichte geworfen, da sich nicht nur die Medien, sondern ebenso die aktiven Figuren mit jedem Kapitel verändern. Dies wirkte auf mich ganz besonders am Anfang noch sehr abgehakt, mit der Zeit gewöhnte ich mich allerdings an diese besondere Art der Erzählung.

»[…] Das Leben ist wie Scrabble spielen, man darf seine guten Buchstaben nicht bunkern, man muss sie einsetzen, sobald man sie zieht.«
Zitat aus: „Wer war Alice“
Der Autor versteht es ausgezeichnet den Leser selbst wahnsinnig werden zu lassen, denn wenn man auf der einen Seite noch von einem Vergehen überzeugt war, denkt man auf der nächsten Seite schon wieder, dass sich Alice doch das Leben genommen hat. Man überlegt, versucht verzweifelt das Puzzle zusammen zu setzen, doch ständig greift man zu einem Teil, welches einfach nicht passen will. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich selbst irgendwann nicht mehr wusste, wer denn jetzt überhaupt noch die Wahrheit sagt und wer einfach nur Gerüchte streut, um alles noch suspekter wirken zu lassen. Es war mir bis zuletzt überhaupt nicht klar, wie sich alles auflösen würde. Ich habe die gesamte Zeit über eine völlig falsche Ahnung gehabt, was natürlich sehr für den Autor spricht.
Eben weil ich nicht wusste, wohin das alles führen würde, habe ich förmlich an diesem Buch festgeklebt. Es war so spannend, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte, schließlich machte mich die Frage, ob Alice „freiwillig“ gestorben war, oder nicht, ganz wahnsinnig.
Nach meinem eher problematischen Start, konnte ich mich sehr gut in die Geschichte hineinversetzen und wurde am Ende eines Kapitels auch nicht mehr rausgeschmissen. Ich empfand es nach dieser kurzen Eingewöhnungsphase sogar als sehr gut gewählt, dass dieser Roman auf so eine andere Art und Weise strukturiert wurde. Es passte und setzte sich am Ende sehr gut zusammen. Wie schon gesagt, tappte ich bis zum Schluss im Dunkeln, allerdings empfinde ich die Auflösung, das Licht, welches schließlich doch noch erschien, als etwas zu dürftig. Die Erklärung war mir ein bisschen zu mau, was schon ein bisschen enttäuschend ist, allerdings nichts daran ändert, dass es sich bei Wer war Alice um einen außerordentlich guten Roman handelt.
In Kürze:
Positiv
Der Aufbau ist besonders, denn die Geschichte wird mit Blogeinträgen, Zeitungsartikel, etc. erzählt.
Alle berichten in der Ich-Form.
Man ist sehr nah dran und kann sich gut mit den einzelnen Figuren identifizieren.
Spannend.
Verwirrend.
Man macht sich auch nachdem man das Buch gelesen hat, noch Gedanken darüber.
Negativ 
Man muss sich erstmal an die Struktur gewöhnen.
Das Ende empfand ich als etwas zu dürftig.

Fazit:
Wer war Alice braucht eine Weile, bis es so richtig in Fahrt kommt. Zuerst muss man sich an die ziemlich besondere Struktur gewöhnen, aber sobald man dies hinter sich gelassen hat, treibt man nur so durch die durchaus sehr spannende Geschichte. Das Ergebnis fiel mir leider etwas zu dürftig aus, doch das ändert nichts daran, dass ich diesen Roman weiterempfehlen kann und werde.



Weitere Rezensionen:
Booknaerrisch (5/5)

Habt einen wundervollen Tag, ihr Lieben. ♥

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7 Comments

  • Nicole Wagner 8. März 2016 at 9:27

    Hallo Kitty,

    das Buch habe ich bisher noch gar nicht bewusst wahrgenommen. Allein den besonderen Aufbau wegen hat es auf jeden Fall mein Interesse geweckt. Ist doch mal was anderes, wenn diverse Medien in die Geschichte einfließen, das könnte eindeutig etwas für mich sein. Wieder einmal ein guter Tipp, danke!

    Liebe Grüße,
    Nicole

    Reply
    • Kitty 13. März 2016 at 18:32

      Die Medien fließen nicht nur in die Geschichte ein, sondern sie wird quasi ausschließlich so erzählt. Ich muss sagen, dass ich das am Anfang echt anstrengend fand, mich aber letztendlich doch gut damit zurecht gefunden habe, als ich erstmal drin war.
      Gerne doch. 🙂 Jetzt muss es dich nur noch überzeugen. 🙂
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
  • Lottasbuecher 8. März 2016 at 13:40

    Hallöchen liebe Kitty,
    wir haben das Buch auf Arbeit als Leseexemplar, aber ich weiß nicht ob es was für mich wäre. Ich habe jetzt gerade "Locked In" gelesen und das auch sehr gerne, aber ich bin ja nicht unbedingt für Geschichten zu haben, wo ewig an einer Sache geforscht wird und man sich vielleicht auch mal verrent und ich hatte bei dem Buch das Gefühl, dass es durchaus mal passiert. Ich weiß nicht.. Ich glaube, das lasse ich lieber.
    Aber ich muss sagen, dass das Cover klasse ist und dass ich es liebe, dass es so unglaublich flauschig ist! 😀

    Liebst, Lotta

    Reply
    • Kitty 13. März 2016 at 18:34

      Mit Lockedin habe ich auch geliebäugelt, es aber doch nicht in die Hand genommen. Da warte ich jetzt erstmal deine Rezi ab. 🙂
      Also ich habe zig Vermutungen gehabt und mich immer vertan, aber ich denke genau das wollte die Autorin mit ihrem Buch auch bezwecken. 😉 Vielleicht liest du einfach mal rein?
      Jaaa, es ist echt unglaublich flauschig. 🙂
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
  • Ingrid 8. März 2016 at 19:35

    Hi Kitty,

    das Buch habe ich mir auch schon angeschaut. Nach deiner Rezi, vielen Dank dafür, wandert es jetzt mal auf meine Wunschliste.

    Liebe Grüße
    Ingrid
    http://www.buchsichten.de

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    • Kitty 13. März 2016 at 18:34

      Gerne, liebe Ingrid! 🙂 Es freut mich, dass ich dir das Buch schmackhaft machen konnte. 🙂
      GlG
      Kitty ♥

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