Rezension:
Antonia Michaelis – Der Märchenerzähler

Posted on 5. Oktober 2015 by Dörte


448 Seiten |  Oetinger | Autorin | Leseprobe 

Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden?

»Nichts war vollkommen, aber alles gut.«
Zitat aus: „Der Märchenerzähler“

Meine Meinung:

Charaktere
Abel ist der totale Außenseiter. Niemand interessiert sich für ihn und für seine Geschichte. Er macht allerdings auch nichts, um diese Tatsache zu ändern. Lieber ist er für sich alleine und kümmert sich rührend um seine kleine Schwester.
Anna fühlt sich wie magisch zu Abel hingezogen. Sie ist fasziniert von seiner Unnahbarkeit, aber auch von seinem Äußeren. Anna führt ein sehr gutes Leben. Sie hat liebe Eltern, die sich um sie kümmern und ist außerdem auch noch gut in der Schule. Doch das reicht ihr nicht. Sie versucht die harte Schale von Abel zu durchbrechen.
Micha ist die kleine Schwester Abels. Sie ist ihrem Alter entsprechend, herrlich naiv, sorglos und liebt es Märchen zu hören und dabei Kakao zu trinken. Die Kleine schließt man als Leser sofort ins Herz.
»“Warum sind manche Leute so und andere anders? Warum sind manche glücklich und andere unglücklich? Warum haben manche Leute Geld und andere […]“«
Zitat aus: „Der Märchenerzähler“

Gesamt
Sehr lange bin ich um diesen Titel herumgeschlichen. Die vielen positiven Stimmen veranlassten mich schließlich dazu, es bei mir einziehen zu lassen. Ich war neugierig darauf, was dieses Buch so besonders macht. Was es mit dem Märchenerzähler auf sich hat und ob ich es im Nachhinein genau so wundervoll finden würde.
Die ersten Seiten empfand ich als sehr interessant. Ich konnte mich gut mit der Protagonistin identifizieren und auch Abel machte mich sehr neugierig. Was verbirgt sich nur hinter seiner Mauer? Ist er wirklich so ein „harter Kerl“, oder versteckt er seine gute Seele? Wenn ja: Wovor? Ich ließ mich von dem wundervollen Schreibstil der Autorin durch die Geschichte tragen und hatte jede einzelne Szene vor Augen. Besonders das Märchen, was zwischendurch immer mal wieder vom Märchenerzähler weiter gesponnen wird, hat mir sehr gut gefallen. Fast kam es mir so vor, als würde ich mit einem Kakao in der Hand neben Micha sitzen und zuhören, was die Prinzessin alles erlebt.
Antonia Michaelis schreibt wirklich fabelhaft und sehr bildlich, aber das bin ich aus ihren vergangenen Romanen auch schon gewohnt.
Als die ersten Morde geschahen, habe ich mitgefiebert, wer der Mörder ist und aus welchem Grund er seine Taten verübt. Im Grunde genommen hätte dies die Spannung noch mehr anheizen müssen, doch zu meinem großen Erstaunen tat es dies leider nicht. Nachdem mir die ersten Seiten so gut gefallen hatten, ließ meine Begeisterung stetig nach. Ich empfand die Geschichte als zu langatmig, langweilig und selbst die poetischen Worte, die Antonia Michaelis in allen ihren Romanen verwendet, machten diese Tatsache nicht zur Nebensache.

»“Wenn ich denken könnte“, sagte sie laut, „wenn ich klar denken könnte. Vielleicht muss ich sprechen, um zu denken? Was ist geschehen? Und was bedeutet das, was geschehen ist?“«
Zitat aus: „Der Märchenerzähler“
Der wahrscheinlich größte Wendepunkt kam, bei einer Schlüsselszene im Bootshaus. An dieser Stelle möchte ich alle drauf hinweisen, die das Buch nicht kennen, den Spoiler nicht zu lesen!

Achtung! Spoiler!
Klick to view

Ab dieser Schlüsselszene fiel meine Begeisterung, die ich anfangs für dieses Buch noch aufbringen konnte, absolut in den Keller. Die Spannung war völlig verflogen und gerade Annas Verhalten konnte ich überhaupt nicht mehr verstehen. Sie läuft Abel wie ein heißes Hündchen hinterher und verliert sich dabei selbst völlig aus den Augen. Mir kam es so vor, als hätte sie sich aufgegeben, als wäre sie nur noch eine Hülle, die total auf ihren „Herzmann“ fixiert ist. Die Auflösung der Verbrechen überraschte mich dann auch nicht mehr sonderlich. Es war völlig klar, wer hinter all dem steckt, ebenso die Gründe, die zu diesen Taten veranlasst hatten.
Vielleicht bin ich zu hart mit meinem Urteil und vielleicht liegt dies daran, dass ich weit über der Zielgruppe dieses Buches hinaus bin und somit vieles „anders“ bei mir ankam, als es vielleicht sollte, dennoch empfinde ich diese Geschichte und die Botschaft, die übermittelt werden könnte, als äußerst bedenklich. 
In Kürze:
Positiv
Spannender Anfang.
Anna mochte ich zuerst sehr*
Abel empfand ich als faszinierend, weil er so undurchschaubar war**
Flüssiger Schreibstil der Autorin.
Das Märchen in der Geschichte fand ich toll.
Micha habe ich in mein Herz geschlossen.
Negativ
Spannung ließ von Seite zu Seite merklich nach.
*Anna wurde mir immer unsympathischer, weil
Ich irgendwann ihre Handlungen nicht mehr verstehen konnte und
sie nur noch zu einer durchsichtigen Hülle wurde, die ihren Prinzen anschmachtet.
** Abels Verhalten und hatte er noch so eine schlimme Vergangenheit, kann ich nicht gut heißen.
Die „Schlüsselszene“ und was da bei mir ankam, das geht einfach nicht.
Auflösung war für mich keine Überraschung.
Ich habe Bedenken, dass, gerade beim jungen Publikum, eine völlig falsche Botschaft rüber kommen könnte.

Fazit:
Ich kann leider absolut nicht verstehen, was an diesem Roman außer dem Schreibstil wundervoll sein soll. Was gut anfing, hat mich immer mehr gelangweilt. Zudem finde ich die „Schlüsselszene“ absolut erschreckend. Ab dieser Stelle ging für mich völlig der Lesespaß verloren. Es tut mir ehrlich Leid, aber ich kann Der Märchenerzähler absolut nicht weiter empfehlen und halte es für äußerst bedenklich es Jugendlichen ab 14 Jahren in die Hand zu drücken, denn meiner Meinung nach wird hier eine völlig falsche Botschaft vermittelt.

                              Kitty 
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14 Comments

  • Daughter OfInkandPaper 5. Oktober 2015 at 16:42

    Hey Kitty,

    tolle Rezension 🙂
    Bei dem Buch scheiden sich wirklich die Geister. Ich wusste bereits, dass diese eine Szene passieren würde und wusste auch von einer Booktuberin und diversen Bloggern, dass das Buch Gewalt "veherrliche" und nicht für Jugendliche geeignet seit.
    Interessant ist, dass die Autorin selbst, nie gesagt hat, dass das Buch ein Jugendbuch sei. Der Verlag hat angeblich das Buch unter diese Sparte gepackt, was ich ebenfalls bedenklich finde, da die Szene, meiner Meinung nach, zwar nicht Gewalt verherrlicht, aber man sie so verstehen könnte.
    Ich finde eher, dass die Szene eine disfunktionale Beziehung zeigt, die gefährlich ist und auf die man sich nicht einlassen sollte, da solche Beziehungen nicht gut ausgehen. Dass Abels Verhalten von Seiten der Autorin entschuldigt wird, finde ich nicht, vielmehr scheint für mich Kritik hier hervor. Aber natürlich ist das auch ein Stück Interpretationssache und Bücher sind immer subjektiv zu betrachten. Daher kann ich deine Kritik auch komplett nachvollziehen 🙂

    Alles Liebe
    Carly

    Reply
    • Kitty 7. Oktober 2015 at 6:04

      Danke schön. 🙂
      Ich bin, was den Inhalt angeht, völlig neutral und "unwissend" an das Buch gegangen. Dass sich dort die Geister scheiden, war mir vorher auch nicht bewusst. Jetzt kann ich es hingegen echt verstehen.
      Ich habe irgendwo ein Interview mit der Autorin gelesen, in dem es genau um den Märchenerzähler geht. Dort sagt sie u.a. auch, dass sie das Buch nicht unter 16 Jahren empfehlen würde und das von vorne herein auch so gesagt hat. Der Verlag hat sich da aber wohl augenscheinlich drüber hinweggesetzt.
      Ja, die Szene zeigt schon eine dysfunktionale Beziehung, allerdings fehlt mir auch hier der "erhobene Zeigefinger", der verdeutlicht, dass so ein Verhalten nicht gut ist. Wie gesagt, vielleicht bin ich zu "alt" und aus dem Grund kam vieles so heftig und von mir unverstanden rüber. Dass mit dem Verhalten Annas allerdings rüber gebracht werden sollte, dass das Verhalten nicht gut ist, kann ich absolut nicht sehen. Schließlich rennt sie ihm weiterhin wie ein Hündchen hinterher und verzeiht ihm sogar alles. Das ist für mich absolut unverständlich.
      Die Idee, die hinter diesem Buch steckt, finde ich wirklich außerordentlich gut gelungen, aber was es letztendlich übermittelt, das geht für mich leider überhaupt nicht.
      Hach, ich könnte mich echt ewig über dieses Buch auslassen. 😉
      Hab einen schönen Tag.
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
  • Verena normalistlangweilig 5. Oktober 2015 at 17:38

    Ich fand dieses Buch auch sehr übel! Lauter Vorurteile verpackt in eine Geschichte, deren Ende ich einfach nur unnötig und schlimm fand! Ich gebe dir außerdem recht, dass die Botschaft sehr bedenklich ist! Ich habe seitdem auch keine Buch der Autorin mehr gelesen! lg Verena

    Reply
    • Kitty 7. Oktober 2015 at 6:07

      Stimmt. Das Ende. Wie konnte ich nur vergessen in meiner Rezi zu erwähnen, dass das Ende dem Ganzen noch mal die Krone aufsetzt? 😉
      Hast du das Interview der Autorin zu dem Buch gesehen? Ich denke, ich werde auch kein Buch der Autorin mehr zur Hand nehmen. Allerdings nicht wegen dem Märchenerzähler, sondern weil ich bis auf ein Exemplar, alle Bücher von ihr nicht wirklich gut fand. Dabei mag ich ihren Schreibstil eigentlich sehr. Der ist poetisch. 🙂
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
  • Jacy 5. Oktober 2015 at 17:49

    Liebe Kitty,

    schade, dass dir das Buch insgesamt nicht so gut gefallen hat. Ich mochte es gerne, habe es aber zu einer Zeit gelesen, in der meine Rezensionen noch nicht so ausführlich waren, daher kann ich nicht mehr alle meine Gedanken zu dem Buch nachvollziehen. Die Szene, von der du schreibst, war wirklich übel, ich erinnere mich. Insgesamt hat sie meine Meinung von dem Buch aber nicht getrübt, denn ich habe damals 5 von 5 Wolken vergeben. Vielleicht lese ich es demnächst nochmal, nachdem 2015 ja ohnehin schon das Jahr der Rereads ist 🙂

    Liebe Grüße und eine schöne Woche
    Jacy

    Reply
    • Kitty 7. Oktober 2015 at 6:08

      Es wäre interessant zu erfahren, wie du das Buch bewertest, wenn du es noch einmal liest. Wie lange ist es denn her?
      Ich nehme mir auch immer vor, verschiedene Bücher zu re-readen, eben weil mich interessiert, ob ich sie immer noch so toll finde, aber irgendwie kommen mir immer die ganzen Neuerscheinungen dazwischen. 😉 So many books, so little time… 😉
      Hab einen schönen Tag.
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
    • Jacy 11. Oktober 2015 at 9:38

      Es ist fast 2 Jahre her. Ich muss es unbedingt nochmal lesen, aber wie dir kommen mir auch immer andere Bücher dazwischen ^^ "So many books, so little time" trifft es wirklich haargenau 😀

      Reply
  • Hannah 6. Oktober 2015 at 10:33

    Ohje, schade das es dir nicht so gefallen hat. Ich hab sonst eher positives davon gehört. Aber es kann ja schließlich nicht jeder der gleichen Meinung sein 🙂
    Deine Rezension ist ansonsten aber sehr gut nachvollziehbar. Wer weiß, vielleicht gebe ich dem "Märchenerzähler" dennoch irgendwann einmal eine Chance. Mich interessiert es immer auf welcher Seite ich stehen würde, wenn die Meinungen um ein Buch zwiegespalten sind 🙂
    Liebe Grüße,
    Hannah

    Reply
    • Kitty 7. Oktober 2015 at 6:11

      Ich habe auch nur Positives zu dem Buch gehört. Eben aus dem Grund wollte ich es unbedingt lesen. Meine Erwartungen waren dementsprechend hoch und wurden total enttäuscht.
      Prinzipiell mag ich die Geschichte. Den Hintergrund, die Gedanken. Aber für mich wurde etwas rüber gebracht, wofür ich stehe und was ich nicht gut heißen kann und werde. Ich weiß nicht. Habe es in der Rezension ja auch schon gesagt: Vielleicht bin ich auch einfach zu alt und interpretiere es aus dem Grund anders.
      Es würde mich sehr interessieren, ob du es ähnlich siehst, wie ich, oder ob du dich der Mehrheit anschließt und es toll findest. Lass es mal bei dir einziehen, damit meine Neugier gestillt wird. 😉
      Hab einen schönen Tag.
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
    • Kitty 7. Oktober 2015 at 6:12

      Wofür ich nicht stehe. Da hab ich doch glatt ein Wort vergessen. 😉

      Reply
  • j125 7. Oktober 2015 at 10:23

    Hey Kitty,

    mir geht es bisher auch so wie dir. Immer und immer und immer wieder überlege ich, ob das Buch auf meiner Wunschliste bleiben darf oder nicht. Manchmal hab ich sogar schon über einen Kauf nachgedacht. Es gibt so viele positive Stimmen, über das Buch, die Autorin… und auch der Schreibstil wird ja immer so gelobt, davor habe ich glaube ich am meisten Angst.

    Nach deiner Rezension bin ich jetzt ziemlich sicher, dass das Buch von der Wunschliste fliegt und damit es erst gar nicht wieder drauf landet und da ich eh furchtbar neugierig bin, lese ich jetzt den Spoiler.

    Ich kenn ja das genaue drum herum nicht, aber das was ich da rauslese… ich weiß nicht, das würde ich doch auch bedenklich finden. Gerade wenn man erst ins Teenageralter kommt, kann man so was nicht immer reflektieren und lässt sich davon verunsichern.

    Reply
    • Kitty 7. Oktober 2015 at 21:21

      Der Schreibstil ist wirklich toll, da kann ich absolut nichts gegen sagen, aber eben diese Botschaft, die bei mir angekommen ist, die geht einfach gar nicht.
      Zum Drumherum gibt es im Grunde genommen nicht wirklich viel zu erzählen. Es ist klar und steht völlig außer Frage, dass es Abel nicht leicht hatte und immer noch nicht leicht hat, aber wie er letztendlich in diesem Buch präsentiert wird, wie er handelt… Das war nichts für mich.
      Gerade weil Jugendliche das in dem Alter meiner Meinung nach nicht immer reflektieren können, konnte ich das Buch nicht besser bewerten. Mal davon abgesehen, dass ich ansonsten auch nicht wirklich viel damit anfangen konnte…
      Schade, aber leider nicht zu ändern. 🙁

      Reply
  • Katja Wolke 11. Oktober 2015 at 12:46

    Hallo Kitty,
    ich habe das Buch damals mit meiner Freundin genau im Alter von 14/15 gelesen und wir haben es beide geliebt. Aber auch wir haben über diese Szene gesprochen, die es wirklich in sich hatte. Aber gerade weil in der Geschichte Realität und Fiktion so verschwimmen, nimmt man diese Szene anders war, eben auch wie in Fiktion. Ich kann es nur ganz schwer erklären, aber irgendwie hat es an der Stelle gepasst, auch wenn es Gewalt verherrlicht.
    Aber dennoch schön zu lesen, dass es auch noch andere Meinungen gibt. Aber wenn dir ihr Schreibstil gefallen hat, könnte evtl "Im Auge des Leuchtturms" etwas für dich sein. Kannst dir ja mal die Rezi auf meinem Blog angucken^^

    Liebe Grüße,
    Katja

    Reply
    • Kitty 19. Oktober 2015 at 18:46

      Hallo Katja 🙂
      Es freut mich total eine Meinung zu lesen von jemandem, der dieses Buch auch in "dem richtigen Alter" gelesen hat. Ich weiß nicht, wie ich es richtig ausdrücken soll, aber du verstehst, was ich meine, oder? 😉 Ich habe ja schon gesagt, dass es sein kann, dass ich einfach zu alt für dieses Buch bin und es deshalb so bedenklich und absolut nicht geeignet für die eigentliche Zielgruppe finde. Nach deinem Kommentar bin ich mir nun noch sicherer, dass ich damit gar nicht so falsch liege. 😉
      Die werde ich mir gleich mal anschauen, danke sehr. 🙂

      Reply

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