Kurzrezension:
Julia Hoban – Bis unter die Haut

Posted on 22. Oktober 2015 by Dörte


352 Seiten |  Cbt | Autorin | Leseprobe 

Es ist schwer, ein Geheimnis zu bewahren, wenn es auf dem ganzen Körper notiert ist …

Vor einem halben Jahr tranken Willows Eltern bei einer Einladung ein Glas zu viel und baten ihre Tochter, sie nach Hause zu fahren. Doch sie kamen niemals an. Willow verlor die Kontrolle über den Wagen und ihre Eltern starben vor ihren Augen. Jetzt ist Willow weggegangen von ihrer alten Schule, von ihren alten Freunden. Die Schuldgefühle jedoch erträgt sie nur, indem sie sich ritzt. Da kommt Guy in ihre Klasse, ein Junge, so sensibel und nachdenklich wie Willow selbst. Er entdeckt ihr gut gehütetes Geheimnis. Und durch seine bedingungslose Liebe lernt Willow, sich selbst zu vergeben und an sich zu glauben.

»“Hey.“ Guy zeigt plötzlich auf die Tüte mit den Rasierklingen. „Ich benutze genau die gleiche Marke.“ Er schaut sie an und hört auf zu lachen, und in dem Moment weiß sie, dass sie hätte wegrennen sollen, dass sie ihn falsch eingeschätzt hat, dass er es doch kapiert hat.«
Zitat aus: „Bis unter die Haut“

Meine Meinung:

Der Titel Bis unter die Haut, ist bei diesem Buch absolut Programm, denn mir ging die Geschichte sehr unter die Haut…
Willow Eltern starben bei einem Autounfall, bei dem sie selbst am Steuer gesessen und als einzige überlebt hat. Fortan macht sie sich natürlich Vorwürfe und denkt die ganze Zeit, dass sie allein für den Tod ihrer geliebten Eltern verantwortlich ist. Mir sind die Stellen, an denen Willow mehr auf ihr Innerstes eingeht, sehr zu Herzen gegangen. Sie beschreibt nachvollziehbar, wie es in ihr ausschaut und warum sie sich diese Gedanken macht. Zudem kann sie mir ihren Emotionen so absolut nichts anfangen. Sie hat Angst, denen nicht gewachsen zu sein, wenn sie sie zulässt. Um dies zu umgehen, wählt sie einen anderen Weg: Sie ritzt sich, damit sie den Schmerz „umleiten“ kann.
Willow ist total gebrochen und zieht sich zurück. Zusätzlich zu ihren Vorwürfen geht sie davon aus, dass ihr Bruder ihr ebenfalls die Schuld für alles gibt. Das Verhältnis der beiden ist alles andere als entspannt. Schließlich muss auch dieser mit dem Verlust und der Tatsache leben lernen, dass er nun der Erziehungsberechtigte seiner eigenen Schwester ist…

»Ihr Bein tut weh. Unglaublich, dass ein fünf Zentimeter langer Schnitt solche Schmerzen verursachen kann. Es ist wirklich ganz einfach – man muss ihn nur öffnen, bevor er verheilt ist, und dann versuchen, ihn mit etwas Stumpfem, zum Beispiel der Spitze eines Turnschuhs, auf sechs oder sieben Zentimeter zu vergrößern.«
Zitat aus: „Bis unter die Haut“
Ich finde Julia Hoban ist sehr sensibel mit dem Thema der Selbstverletzung umgegangen, nimmt allerdings auch kein Blatt vor den Mund. Genau so, wie es sich in Willows Leben abgespielt hat, könnte es tatsächlich geschehen, was mich mehr als nur einmal schockiert hat.
Bis unter die Haut hat meine Gefühlslage sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Ich habe ziemlich viele Tränen vergossen. Außerdem hatte ich stets das Gefühl, als hätte sich jemand auf meine Brust gesetzt. Ich hatte ein beklemmendes Gefühl während des Lesens, was sich das gesamte Buch über fortgesetzt hat. Die eher düstere Stimmung die bei dieser Geschichte bestimmend ist, ist meiner Meinung nach, weiß Gott nichts für Zartbesaitete.
Erst Guy bringt für Willow und auch für die Leser die Sonne zurück. Zuerst scheint sie nur ein kleines bisschen hinter den dunklen Wolken, doch irgendwann strahlt sie mit ihrer ganzen Macht und bringt die Wärme in die Geschichte. Gerade diese Wandlung hat mir außerordentlich gut gefallen und ebenso, dass dies nicht holterdiepolter, sondern Stück für Stück vonstatten gegangen ist.
Guys Verzweiflung war für mich ebenso greifbar wie jene der Protagonistin. Er hat mir so Leid getan, weil er absolut hilflos ist. Er möchte natürlich, dass Willow sofort damit aufhört sich zu ritzen, aber weiß überhaupt nicht, wie er dies anstellen soll.
Wenn die Zwei zusammen waren, ging mir regelmäßig das Herz auf. Dabei war ihre Liebesgeschichte zu keiner Zeit überspitzt dargestellt, oder gar in irgendeiner Weise kitschig. Es hat einfach alles gepasst. Vom ersten Kennenlernen, bis zum ersten Kuss. Es hat mich total entzückt.
Wie sich die Dinge entwickeln möchte ich natürlich nicht weiter erläutern, allerdings kann ich zumindest so viel verraten: Das Ende hat mir ebenso gut gefallen, wie der Rest dieses Buches.

Fazit:
Ein wundervoller Roman, über den absolut zu unrecht so wenig gesprochen wird. Für mich ist dieses Buch auf jeden Fall eins meiner persönlichen Jahreshighlights, da einfach von allem etwas enthalten ist. Julia Hoban schreibt voller Gefühl und diese kamen auch mit voller Wucht bei mir an und haben mich bildlich gesprochen zu Boden geworfen. 
Dieser Roman ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite und hat mich „bis unter die Haut“ berührt.

                              Kitty 
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11 Comments

  • Sas 22. Oktober 2015 at 17:28

    Huhu Kitty,

    ich habe das Buch vor einigen Jahren auf englisch gelesen und kann mich erinnern, dass ich es wirklich gut fand. Als ehemals Betroffene habe ich an Bücher zum Thema SVV ziemlich hohe Ansprüche und "Willow", wie das Buch im Original heißt, hat mich damals vollkommen überzeugt.
    Oftmals sind die Geschichten sehr platt und am Ende sind alle geheilt und wieder glücklich, was einfach (Überraschung!) total unrealistisch ist. Wenn ich das recht im Kopf habe, steht am Ende dieses Buches nur die Möglichkeit, dass alles besser wird, oder?!

    Im Moment steht "Willow" auf einer to-read-Liste, weil ich es unbedingt nochmal lesen möchte. Mal sehen, wann ich dazu komme! 🙂

    Liebe Grüße
    Sas

    Reply
    • Kitty 26. Oktober 2015 at 15:42

      Hey Sas 🙂
      Stimmt. Ich hätte es auch nicht gut gefunden, wenn es so nach dem Motto: Ende gut, alles gut geendet hätte. Das wäre dann einfach zu utopisch gewesen.
      Ich muss sagen, dass es mich echt emotional fertig gemacht hat und das, obwohl ich nicht betroffen bin. Die Situation, in der Willow steckt (Waise, einen Bruder) trifft allerdings auch auf mich zu. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum ich sie so gut verstehen konnte.
      Ich bin gespannt, ob es beim zweiten Mal lesen noch genau so gut, oder vielleicht sogar noch besser sein wird. Du kannst mich ja mal informieren, wie du die Lektüre beim zweiten Mal empfunden hast. 🙂
      GlG
      Kitty ♥

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    • Sas 26. Oktober 2015 at 19:38

      Huhu 🙂

      Ja, leider ist es bei den meisten Büchern, vor allem eben auch im Jugend-Bereich, so, dass die Betroffenen am Ende immer austherapiert und komplett wieder gesund sind… ich habe da so viele gelesen, wo ich einfach nur "MOAH!" gedacht habe 😉

      Ach scheiße… das tut mir leid. Wenn ich das so sagen darf… <3

      Ich ehrlich gesagt auch *g*
      Ich habe schon mehrmals beim zweiten Lesen gedacht "was, das fandest du damals gut?" oder auch das Gegenteil… da sieht man dann, wie sehr sich der Geschmack innerhalb ein paar Jahren ändern kann…

      Liebe Grüße
      Sas

      Reply
    • Kitty 2. November 2015 at 22:29

      Kein Problem, ist schon in Ordnung. Nur es ist eben so: Wenn man fast in derselben Situation ist, dann treffen einen die Emotionen irgendwie immer viel doller, als wäre es nicht so. Geht dir das auch so?
      Hast du schon angefangen? Nicht, dass ich neugierig wäre, oder so. 😉

      Reply
    • Sas 3. November 2015 at 19:04

      Ja, da hast du allerdings Recht, das kenne ich auch. Auf der anderen Seite merkt man aber genauso schnell. wenn etwas total unrealistisch oder überzogen ist 😉 So geht mir das eben immer mit den Büchern übers Ritzen oder Schneiden.

      Ich muss zugeben, dass es immer noch auf dem SUB vor sich hin schimmelt. Da waren ein paar Bücher, die leider lauter geschrien haben *g* Aber ich will es definitiv als nächstes lesen 😀
      Und dann sage ich dir ganz sicher Bescheid 😉 Mal sehen, wie meine Rezension dann aussieht…

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    • Kitty 4. November 2015 at 12:18

      Dann bin ich jetzt schon gespannt, wie dein Urteil ausfallen wird. 🙂 Viel Spaß mit dem Buch, auch, wenn man das bei diesem Thema vielleicht gar nicht so sagen kann. 😉 Ach, du weißt schon, was ich meine. 🙂

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    • Sas 5. November 2015 at 18:45

      Ich auch 😀
      Ich habe "Willow" heute auch angefangen, irgendwie hast du mich so sehr motiviert *g* Eigentlich wollte ich vorher noch ein anderes Buch lesen, aber dann habe ich mich doch umentschieden 😉 Ich bin irgendwo bei Seite 60 und bisher finde ich (immer noch) gut… mal sehen, wie es wird, wenn die Geschichte richtig los geht 😀

      Reply
    • Kitty 8. November 2015 at 11:58

      Schuldig im Sinne der Anklage. 😉 Freut mich, dass ich dir das Buch wieder schmackhaft machen konnte. Und? Wie ist es?

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    • Sas 8. November 2015 at 19:39

      Ich finde es immer noch echt gut! Ich habe jetzt noch knapp 80 Seiten vor mir und empfinde es als total intensiv und ergreifend. Ich habe mich also nicht in meiner Erinnerung getäuscht 😉
      Ich hoffe, dass ich es morgen zu Ende schaffe und dann auch bald meine Rezension tippen kann… ich habe noch so viele Bücher auf der Liste, da dauert das alles elendig lange 😉

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    • Kitty 12. November 2015 at 12:09

      Das kommt mir mega bekannt vor. Ich habe auch eine ellenlange Liste abzuarbeiten und habe irgendwie das Gefühl, gar nicht mehr hinterher zu kommen. 😉
      Bin schon sehr gespannt auf deine Rezi. Habe gerade auch schon mal geschaut, ob du sie bereits veröffentlicht hast. 😉

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    • Sas 12. November 2015 at 18:24

      Ja, so sieht es hier leider auch aus *seufz* und irgendwann sind die Gedanken und Gefühle zum Buch auch nicht mehr so richtig frisch und irgendwie verwerfe ich das, was ich bis dahin geschrieben habe, wieder *hmpf*
      *lach* da muss ich dich leider enttäuschen, ich feile noch am letzten Absatz *g* Danach muss ich sie nochmal Korrektur lesen und dann geht sie online. Ich schätze mal, dass die Rezi irgendwann nächste Woche kommt, wenn ich sie am WE jetzt fertig kriege 😀

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