Rezension:
Luisa Binder – Eigentlich sind wir nicht so

Posted on 22. August 2015 by Dörte

 

 

352 Seiten |  Knaur. | Autorin | Kaufen

Mit knapp dreißig Jahren vom Freund verlassen, aus der WG gekickt und arbeitslos, weiß Marie Schröder sich keinen besseren Rat, als wieder bei ihren Eltern einzuziehen. Sie kann ja nicht ahnen, dass zur gleichen Zeit zwei Freundinnen der Mutter und ihre Tante in einer Krise stecken und ebenso Zuflucht im Hause Schröder suchen. Unter einem Dach mit den eigenwilligen Eltern, einer Diva, einer Mimose und einem Vollblutweib wird das Alltagsleben schnell zu einer Herausforderung. Die unfreiwillig schräge Hausgemeinschaft kann den einzigen Mann der Umgebung, den Marie ansatzweise interessant findet, eigentlich nur in die Flucht schlagen …

 

 

 

 

Ich habe ziemlich lange gebraucht,
bis ich meine Gedanken zu diesem Roman sortiert hatte und jetzt weiß ich gar nicht, wo ich mit meiner Begeisterung anfangen soll. Vielleicht gehe ich erst einmal näher auf die Protagonistin Marie ein: Sie ist fast 30 Jahre alt, hat lange in einer WG gewohnt und ist nicht nur arbeitslos, sondern hat sich auch noch frisch von ihrem Freund getrennt. Zudem wurde sie wegen Geldmangel aus ihrer WG geworfen, was sie aber nicht sonderlich stört, da ihr Ex auch dort lebt. Marie ist gebrochen. Sie zweifelt an sich und fühlt sich wie eine Versagerin, da sie in ihrem „fortgeschrittenem“ Alter wieder bei ihren Eltern unterkommen muss.
Ich fand die Protagonistin äußerst authentisch. Sie bleibt sich treu, will ihren Weg gehen, aber diesen muss sie erst einmal wieder finden. Marie war mir sehr nahe. Ich bewundere sie ehrlich für ihre Stärke, denn selbst wenn alles aussichtslos erscheint: Sie gibt nicht auf und findet immer wieder auf die Füße. Ich konnte mich sehr gut mit ihr identifizieren und empfand ihre Handlungen allesamt realistisch und das, obwohl Luisa Binder für ihren Roman die auktoriale Erzählweise gewählt hat, womit ich ja eigentlich gar nicht so gut klar komme.
Nicht nur Marie, sondern ebenso alle Nebenfiguren sind mir total ans Herz gewachsen. Sei es Britta, die von ihrem Mann verlassen wurde und nun wie ein Häufchen Elend bei den Eltern von Marie untergekommen ist, oder auch die Eltern an sich. Alles passte, mit jedem konnte ich sympathisieren, niemand war zu blass, aber auch nicht so grell gezeichnet, dass eine Nebenfigur der Hauptprotagonistin in irgendeiner Weise die Show gestohlen hätte. Das hat die Autorin absolut gelungen umgesetzt.
So war das meistens: Frauen zergrübelten sich das Hirnschmalz über die Frage, warum Männer das eine taten und das andere nicht, aber am Ende war es ganz einfach so, dass es gar keine geheime Botschaften gab, die man ihr mysteriöses Verhalten hineininterpretieren musste. Männer waren einfach nicht so …
Der Schreibstil, den Luisa Binder an den Tag legt, konnte mich ebenso überzeugen. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Seiten an mir vorbei geflogen sind. Ist man einmal in Maries Leben eingetaucht, gibt es einfach kein Entrinnen mehr. Man möchte unbedingt wissen, wie die Protagonistin ihre Situation auf die Reihe bekommen, was sie unternimmt, und ob sie es überhaupt schafft, wieder so richtig Fuß zu fassen. Bis man das Ergebnis betrachten kann, erlebt man einige lustige, skurrile, aber auch zu Herzen gehende Momente. Hat man auf der einen Seite noch gelacht, hat man auf der anderen Seite Bauchschmerzen, weil erneut irgendwas passiert ist, oder beschrieben wird, was einem aufs Gemüt schlägt. Ich war nicht nur eine Leserin dieser Geschichte, ich habe mich tatsächlich als ein Teil vom Ganzen gefühlt!
Es passiert so einiges was mir Lachtränen in die Augen getrieben hat. Besonders Maries Vater hat einen richtig guten Humor, den die Autorin fantastisch rüber gebracht hat.
Ja, ich gebe zu, dass man als Leser sehr schnell weiß, was die Geschichte für ein Ende nehmen wird, aber diese Tatsache wird total in den Hintergrund gedrängt, weil alles bis dahin mit so viel Liebe und Spannung beschrieben wird. Ganz besonders die anfängliche Zeit von Marie und einem Mann, den sie kennen lernt hat mich total erreicht und die Geschichte die dieser Mann hinter seiner Fassade versteckt hat, tief berührt.
Ich wurde von diesem Buch positiv überrascht und war zutiefst traurig, als ich es abgeschlossen hatte.
„Eine Beziehung ist Arbeit, von Anfang bis Ende. Ihr mit eurem Nicht-Bemühen, ihr werft doch alles hin, bevor es überhaupt angefangen hat.“
Eigentlich sind wir nicht so, ist ein Buch, welches Mut macht. Es zeigt, dass egal was passiert, danach auch wieder die Sonne scheinen wird. Vielleicht nicht morgen und auch nicht übermorgen, aber irgendwann auf jeden Fall. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Allen voran Marie, die sich immer treu geblieben ist und aus diesem Grund absolut authentisch rüber kommt. Mit viel Liebe zum Detail hat Luisa Binder mit ihrer Geschichte ein unfassbar gutes Buch geschrieben, dass ich absolut jedem ans Herz legen möchte.
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