Rezension:
Paula Hawkins – Girl on the train

Posted on 17. Juli 2015 by Dörte


 448 Seiten |  Blanvalet | Autorin | Leseprobe 

Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen – wie es scheint – ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.

Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau – daneben ein Foto von »Jess«. Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse …


Meine Meinung:
Inhalt
Rachel wurde wegen einer anderen und ihrem Alkoholproblem von ihrem Mann verlassen und ist bei ihrer besten Freundin eingezogen. Sie fährt jeden Tag mit dem Zug und sieht weit mehr, als man sich das vielleicht denken könnte. Ihr Mann Tom hat jetzt alles, was Rachel immer haben wollte. Sie sinkt immer tiefer in die Alkoholsucht und kann sich mit ihrer Situation einfach nicht abfinden.
Als sie irgendwann bemerkt, dass eine Frau vermisst wird, die sie vom Zug aus häufiger mal beobachtet hat, spitzen sich die Ereignisse zu. Nichts ist so, wie es zu sein scheint…

»Ich muss an das Kleiderbündel neben den Schienen denken, und es schnürt mir die Kehle zu. Das Leben ist kein Absatz, und der Tod ist keine Klammer.«
Zitat aus: „Girl on the train“
Charaktere
Rachel versucht jegliche Art von Gefühlen im Alkohol zu ertränken, was in dem Moment auch zu funktionieren scheint. Am Ende fühlt sie sich allerdings noch elendiger, als zuvor, da sie mit schweren Blackouts zu kämpfen hat. Sie ist eine ziemlich labile Person. Bis auf ihre beste Freundin hat sie keinerlei sozialen Kontakte mehr, seit sich ihr Mann von ihr getrennt hat.
Tom steht mit beiden Beinen im Leben. Seit er sich von Rachel getrennt hat, ist alles so, wie er es immer haben wollte. Er und seine Frau Anna haben ein kleines Mädchen bekommen und nun leben sie glücklich und zufrieden zusammen. Tom versucht sich beizeiten immer noch ein bisschen um Rachel zu kümmern.
Anna hält überhaupt nichts davon, dass ihr Ehemann noch immer Kontakt zu seiner Verflossenen hat. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass er diesen Kontakt endlich beendet und die Beiden von Rachel in Ruhe gelassen werden.

»Kamal behauptet, ich müsse mir überlegen, wie ich mich selber glücklich machen kann; ich müsse aufhören, andernorts nach dem Glück zu suchen. Es stimmt, das muss ich, das ist mir selber klar, doch dann überkommt es mich wieder, und ich denke: Scheiß drauf, das Leben ist zu kurz.«
Zitat aus: „Girl on the train“

Gesamt
Der Titel ist bei diesem Buch Programm, denn mir kam es echt so vor, als würde ich mich auf eine Zugfahrt begeben, die beim Start aber nur sehr, sehr langsam in Fahrt kommt, weil der Lokführer wohl vergessen hat, die Bremse zu lösen. Auf den ersten Seiten habe ich Rachel kennen gelernt und wusste ehrlich gesagt gar nicht so genau, was ich mit ihr anfangen soll. Ich denke ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass sie kaputt ist. Seelisch labil und absolut gebrochen. Sie fährt mit der Bahn, beobachtet die Leute und Häuser, die an ihr vorbei rauschen und das Tag für Tag. Ich muss leider sagen, dass mich die ersten Seiten sehr gelangweilt haben, weil außer Zugfahren nichts passiert, was den Plot in irgendeiner Weise vorangetrieben hätte.
Zudem fand ich die Protagonistin ziemlich anstrengend. Zu Beginn hatte ich noch Mitleid mit ihr, weil sie es echt nicht leicht hat, aber dieses Mitleid verschwand ziemlich schnell wieder. Rachel weiß eigentlich genau, dass der Weg, den sie eingeschlagen hat, kein gesunder und richtiger ist, aber sie macht nichts dagegen, sondern geht ihn einfach weiter.

»Die Löcher in deinem Leben lassen sich nicht kitten. Man muss darum herumwachsen wie Bäume um Beton; man muss sich durch die Ritzen zwängen.«
Zitat aus: „Girl on the train“

Die gesamte Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Rachel und Anna, sowie aus der Sicht von der verschwundenen Frau erzählt. Beide bedienen sich der Ich-Form, was es mir eigentlich immer leichter macht, mich mit den Protagonisten zu identifizieren. Hier ist mir dies aber bedauerlicher Weise nicht gelungen. Wie oben schon erwähnt hatte ich Probleme mich mit Rachel anzufreunden und auch die vermisste Frau war mir zu keiner Zeit richtig nah.
Paula Hawkins hat nicht nur die Erzähler immer mal wieder gewechselt, sondern es finden auch ständig Zeitsprünge statt, die mich manchmal ein bisschen aus der Bahn geworfen haben.

Erst ab der Hälfte löste sich die Bremse des Zuges und bescherte mir dann doch endlich die Spannung, auf die ich so lange gewartet hatte. Die Ereignisse spitzten sich einfach so zu, dass ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht. Ich war neugierig darauf zu erfahren, ob ich mit meiner Vermutung Recht hatte, oder ob ich vielleicht doch daneben lag. Wäre letzteres eingetreten wäre ich wirklich entzückt gewesen, so auf die falsche Spur gebracht worden zu sein, doch dann kam die Ernüchterung: Ich sollte Recht behalten.
Das Ende hat mich in keinster Weise überrascht, denn ich kam, wie oben erwähnt, schon ziemlich früh dahinter, wer hinter allem stecken könnte und was da alles passiert ist, was ich schade finde, denn der Ansatz, den die Autorin da hatte, war zwar wirklich gelungen, allerdings mangelte es an der Umsetzung. Ich finde, man hätte aus dieser eigentlich gut durchdachten Story noch ein bisschen mehr rausholen können. Da kann mich der im Grunde genommen gute, flüssige Schreibstil der Autorin auch nicht drüber hinweg trösten.

In Kürze:
Positiv
Wechselnde Erzähler.
Alle erzählen in der Ich-Form.
Spannung zwar erst spät vorhanden, aber dann steigt sie ziemlich an.
Guter Plot.
Schreibstil.
Negativ 
Die Prota hat mich genervt.
Mich konnte nicht wirklich etwas überraschen.
Die erste Hälfte des Buches war für mich langweilig.
Ich bin schnell darauf gekommen, wer hinter all dem steckt.
Über eine bestimmte Person hätte ich gerne noch mehr erfahren.

Fazit:
Ich finde den Hype um dieses Buch ehrlich gesagt nicht gerechtfertigt. Girl on the train hat zwar einen wirklich guten Plot zu bieten, der meiner Meinung nach aber besser hätte umgesetzt werden können. Die Protagonistin empfand ich als anstrengend und auch der Anfang der Geschichte konnte mich nicht wirklich überzeugen, da er mir zu sehr in die Länge gezogen war und mich gelangweilt hat. Spannung taucht erst in der Mitte der Geschichte auf. Girl on the train endete für mich nicht überraschend. Ich fand es leider vorhersehbar.

                                              Kitty 
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10 Comments

  • Tanja 17. Juli 2015 at 13:13

    Ja, das ist echt furchtbar, wenn in der Ich-Form erzählt wird und die erzählende Figur dann so doof ist, wobei ich Rachel wegen ihrer Sauferei noch einen kleinen Mitleidsverständnisbonus einzuräumen gewillt war. 😉

    Aber ich habe ja kürzlich "Luckiest Girl Alive" von Jessica Knoll gelesen, das sollte so 'ähnlich wie Gone Girl und Girl On The Train' sein; die grösste Ähnlichkeit bestand dann wohl im Unsympathischsein der Hauptfiguren, grade hier mit dem Zugmädel verglichen. Und da hatte die Hauptfigur nicht einmal ein Alkohol-, Drogen-,sonstwas-Problem! Im Vergleich mit jener Hauptfigur fand ich Rachel nun auch gar nicht mehr ganz so anstrengend. :/ *lol*

    LG,
    Tanja

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    • Kitty 18. Juli 2015 at 8:53

      *lach* Au weia. Es gibt es noch Protagonisten, die nerviger sind? Wobei: Ich weiß ja selber, dass es da noch welche gibt. Bestes Beispiel ist jene von Splitterherz. Die ist mir so richtig auf die Nerven gegangen. Nur am Jammern, oder am Schlafen. Ganz, ganz furchtbar.
      Vielen Dank, dass du mich vorgewarnt hast. Dann werde ich wohl lieber einen großen Bogen um Luckiest girl alive machen. :-O
      GlG
      Kitty ♥

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  • Nicole Wagner 17. Juli 2015 at 17:46

    Hallo Kitty,

    keine Ahnung wieso, aber der Hype konnte mich bei dem Buch nicht anstecken. Vielleicht, weil ich in der Realität als Pendlerin schon mehr als genug Zeit im Zug verbringe? Egal, jedenfalls, vielen Dank für deine Rezension, jetzt bin ich mir sicher, dass ich nichts versäume.

    Liebe Grüße & schönes Wochenende,
    Nicole

    Reply
    • Kitty 18. Juli 2015 at 8:54

      Bei mir ist es genau andersherum: Gerade weil ich oft mit der Bahn unterwegs bin, hat mich das Buch super interessiert. Aber auch die vielen positiven Stimmen haben ihr Übriges getan. Schade, dass ich nicht ganz so begeistert davon war. :/
      Danke, Liebes, das wünsche ich dir auch. ♥

      Reply
  • Piglet 18. Juli 2015 at 9:36

    Was für eine schöne und ehrliche Rezension. Das BUch schlummert noch auf meinem SuB und ich bin gespannt wie es mir gefallen wird.

    LG Piglet ♥

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    • Kitty 20. Juli 2015 at 10:25

      Danke schön. 🙂
      Ich drücke dir alle Daumen, dass es dich eher mitreißen kann und du nicht so schnell dahinter kommst, wer für alles verantwortlich ist.
      Hab eine schöne Woche
      GlG
      Kitty ♥

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  • j125 18. Juli 2015 at 18:42

    Hallo Kitty,

    es gibt so ein, zwei Bücher wo ich mich nach jeder Rezension anders entscheide ob ich das Buch jetzt lesen will oder nicht.
    Dieses hier ist so eins.

    Ich habe mal gelesen, dass das Buch "Gone Girl" von Gillian Flynn ähnlich sein soll und das fand ich ja nicht so toll. Deine Eindrücke, dass das Buch ewig nicht in Fahrt kommt, bestätigt das total.

    Mittlerweile verfestigt sich der Gedanke es mit dem Buch nicht zu versuchen. ^^

    Reply
    • Kitty 20. Juli 2015 at 10:27

      Ich habe Gone Girl gar nicht gelesen, weil sich auch dort die Meinungen gespalten hatten. Als ich schließlich irgendwo gelesen hatte, dass es dauert, bis die Geschichte an Fahrt aufnimmt, habe ich mich letztendlich dagegen entschieden.
      Wenn der Vergleich gerechtfertigt ist, würde ich das Buch an deiner Stelle auch eher nicht lesen.
      Hab eine schöne Woche, Liebes.
      GlG
      Kitty ♥

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  • Lottasbuecher 19. Juli 2015 at 14:56

    Hallöchen Liebes,
    schade schade schade, dass dir dieses Buch nicht so gut gefallen hat! 🙁
    Ich fand es wirklich sehr gut geschrieben, fand die Charaktere unheimlich gut ausgearbeitet, denn jeder hatte so sein Päcckchen zu tragen und Rachel ist eben nicht perfekt. Sie ist krank und süchtig und ich fand das ziemlich authentisch muss ich sagen.
    Ich wusste nicht was hinter dem allen steckt und deswegen war es für mich wahrscheinlich auch noch spannender als für dich. 😀 Du liest einfach zu viele Thriller, deswegen weißt du das schon. 😉

    Liebst, Lotta

    Reply
    • Kitty 20. Juli 2015 at 10:31

      Also am Anfang hatte ich ja auch noch Mitleid und Verständnis, aber nachdem Rachel irgendwann selbst gemerkt hat, dass es die falsche Richtung ist, die sie einschlägt, aber nichts dagegen unternommen hat, schlug mein Verständnis in Unverständnis um. Zu dem Zeitpunkt ist sie mir ehrlich gesagt nur noch auf die Nerven gegangen. *schäm*
      Hm, das kann sein. Ich habe echt schon ziemlich viele Thriller gelesen und bin daher vielleicht auch ein bisschen verwöhnt. Beim Lesen habe ich die ganze Zeit gedacht: "Was ist denn mit xy? Das würde doch eigentlich gut passen, wenn er/sie dahinter steckt." Und schließlich habe ich mir meine Theorie zusammen gesponnen, die letztendlich auch zugetroffen ist. 🙁
      Schade eigentlich. :-O
      Hab eine schöne Woche, Liebes.
      GlG
      Kitty ♥

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