Rezension:
Ilsa J. Bick – Atemnot

Posted on 8. September 2014 by Dörte

 

Egmont Ink | 352 Seiten | Kaufen

Es gibt Geschichten, in denen das Mädchen seinen Prinzen findet, und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. So eine Geschichte ist das hier nicht. Jenna Lords Leben verlief bisher nicht gerade wie im Märchen. Ihr Vater ist ein kontrollbesessener Neurotiker und ihre Mutter Alkoholikerin. Früher war ihr älterer Bruder ihr einziger Halt, doch jetzt ist er im Irak stationiert. Und vor einigen Jahren wäre Jenna beinah bei einem Hausbrand ums Leben gekommen. Es gibt Geschichten, in denen das Monster das Mädchen umbringt und alle um das unschuldige Opfer trauern. So eine Geschichte ist das hier auch nicht. Mitch Anderson hat viele Qualitäten: Er ist ein engagierter Lehrer und Lauftrainer. Ein liebevoller Ehemann. Ein Mann mit einer ziemlichen … Anziehungskraft. Und dann gibt es noch die Geschichten, bei denen man schwer sagen kann, wer der Prinz und wer das Monster ist, wer das Opfer und wer es verdient, bis an sein Lebensende glücklich und zufrieden zu leben. Diese Geschichten sind die besten.

 

 

 

Jenna

muss man einfach mögen. Es geht schlicht nicht anders. Sie ist ein gebrochenes Mädchen, schon jetzt gezeichnet von ihrem Leben, dabei ist sie gerade mal süße 16 Jahre alt. In ihren jungen Jahren musste sie schon mehr als genug durch machen und ihre Pechsträhne scheint nicht enden zu wollen. Ich hatte während jeder einzelnen Zeile ihrer Geschichte das Bedürfnis sie zu drücken und zu beschützen.
Mitch hätte ich persönlich ja auch gern als Lehrer gehabt. Er interessiert sich für seine Schüler und hilft, wo er nur kann. Dabei geht es ihm nicht nur um das Schulische, sondern auch um die privaten Hintergründe. Er ist ein toller Mann, den ich ebenfalls sehr gemocht habe.
Jennas Eltern konnte ich nicht auf´s Fell gucken. Ich habe eine so große Abscheu gegen sie entwickelt, die sich das ganze Buch über gehalten hat. Einzig mit ihrer Mom konnte ich ab und zu noch sympathisieren, bei ihrem Vater fiel mir dies aufgrund seines cholerischen Verhaltens äußerst schwer.

 

Heimisch

Schon auf der aller ersten Seite habe ich mich heimisch gefühlt. Ilsa J. Bick legt in ihrem neuesten Roman die von mir schon gewohnte Schreibweise an den Tag. Diese ist zügig, hält sich nicht mit Belanglosigkeiten auf und lässt das Buch sehr lebendig wirken. Allen voran die Ausarbeitung der Protagonistin Jenna ist ihr hervorragend gelungen. Ich habe gespürt, was die Ärmste durchmachen musste und hatte mehrmals einen tiefen Kloß im Hals. Sei es aus Wut, Zorn oder Trauer, was dem Mädchen angetan wurde. Ich habe wirklich sehr mit ihr mitgefühlt und war ganz bei ihr. Dadurch, dass Jenna ihre Geschichte selbst aus ihrer Sicht erzählt, habe ich das Gefühl gehabt, sie hätte mir das Tonband, auf dem sie sie gesprochen hat ausgehändigt, und ich höre es mir gerade an. Ich fühlte mich selbst angesprochen, als ob sie selbst mit mir reden würde.
Es hat mir sehr gut gefallen, wie die Autorin Jenna gezeichnet hat. Ich habe ihr einfach alles abgenommen. Jede Handlung, jedes Gefühl. Sie ist echt, verstellt sich nicht. Jenna ist so wie sie ist: Ein Mädchen, 16 Jahre alt und so verdammt zerbrechlich.
Ich war mehr als geschockt, als ich ihrer Erzählung folgte. Einzelne Dinge haben mich sehr traurig, aber auch zugleich wütend gemacht. Ihre Eltern sind wirklich nicht das, was ich mir unter guten Eltern vorstelle. Sie sind eher mit sich selbst beschäftigt, als sich um ihre Tochter zu kümmern, da wundert es mich absolut nichts, dass sich Jenna wie überflüssig vorkommt.

„Ich glaube, ich bin schon die ganze Zeit am Ertrinken, aber so leise, dass ich es selbst nicht gemerkt habe.“

Doch nicht nur das etwas „gespannte“ Verhältnis zu Jennas Eltern wird im Roman behandelt, sondern noch viele Dinge mehr, die zwar auch etwas mit ihren Erzeugern zu tun haben, sich aber auch in andere Gegenden bewegen. Alles, was Ilsa J. Bick beschreibt gibt es tatsächlich irgendwo, in irgendwelchen Familien, hinter verschlossenen Türen. Und genau dies macht diesen Roman zu etwas Besonderem. Wie Jenna kämpft, nicht aufgibt und Unterstützung von jemandem bekommt, von dem man es nicht erwarten würde. Wie sich die Dinge zuspitzen und man plötzlich nicht mehr weiß, wer Freund ist und wer Jenna was Böses will.
Ich war ein Sklave der Geschichte und konnte mich nicht wehren, konnte einfach nicht mehr aufhören zu lesen, bis ich endlich alles wusste und in Tränen aufgelöst das Buch zur Seite legte. Die Ereignisse, die sich zugetragen haben, hallen selbst jetzt noch in mir nach. Und das, obwohl es schon eine Weile her ist, seit ich das Buch zuklappte. Jennas Schicksal hat mich zutiefst bewegt und berührt. Ich hätte sie gerne noch ein paar Seiten mehr begleitet.

Ich sah mich um, bis ich einen einzeln stehenden Tisch am Ende einer Regalreihe fand, der direkt vor einem Fenster stand. Sobald ich ihn erblickte wusste ich, dass es das perfekte Plätzchen für mich war: Bücher zu meiner Rechten und ein Fenster hinaus auf die Welt zu meiner Linken.
Was ich ganz besonders erwähnen möchte ist, dass sich diese Geschichte im Grunde genommen genau so zutragen kann. Das Erschreckende daran ist, dass sie in einer abgewandelten Form garantiert in einigen Familien wirklich so ist. Diese Tatsache hat mir mehr als nur einmal einen dicken Kloß im Hals beschert und macht, dass ich immer noch über das Buch nachdenken muss. Es hallt selbst am Ende der Geschichte noch eine ganze Weile nach.
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6 Comments

  • Lese Blick 8. September 2014 at 17:55

    Toll, dass du auch so begeistert bist. Ich könnte es auch sofort noch einmal lesen. Die Story hat mich mega mitgerissen und des Öfteren mein Herz zum Rasen gebracht. Ich hätte mich so über einen zweiten Teil gefreut. Tolle Rezi und ganz liebe Grüße 🙂

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    • Kitty 11. September 2014 at 11:11

      Es war wirklich unglaublich fesselnd und hat mir total gut gefallen.
      Kann dir nur zustimmen: Ich hätte mich auch sehr über einen zweiten Teil gefreut. Aber ich finde es auch mal gut, dass es keinen zweiten gibt. Ich habe nämlich das Gefühl, dass aus vielen Büchern, die auch gut "alleine da stehen können", einfach mal eben so eine Reihe gemacht wird, wo der Inhalt aber von Teil zu Teil nachlässt. 🙁
      Danke
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
  • Tilly Jack T.R. Jones 9. September 2014 at 2:25

    Sooo meine liebe 😀 JETZT kann ich sie mir endlich durchlesen.
    *Uns heiße Schoko mitgebracht hab*

    Wer dieses Buch noch lesen WILL, sollte BITTE nicht mein Kommi weiterlesen. 🙂

    Was die Charakter angeht kann ich dir zustimmen. Gerade die arme Jenna..himmel…hätte ich sie alleine mit Buchumarmungen trösten können, hätte ich es ununterbrochen getan. Sie ist so ein zerbrochenes, unschuldiges etwas, mit solch grausamen Eltern als Vorbild…weiß Gott, was ihr Großvater noch mit ihr getan hat…es wurde ja nur dezent angedeutet, aber es war mehr als offensichtlich. Dem Vater hätte ich am liebsten…ARGH!! *Wut unter Kontrolle bringen Jack*!!! Ne, er war das Paradebeispiel für einen Vater, der keiner hätte werden sollen. Gerade diese Szene im Badezimmer mit ihrem Patenonke. wo GOTT SEI DANK Mitch kam und sie rettete… *An dieser Stelle musste ich das Buch kurz zuschlagen, da die Reaktion ihres Vaters mich so dermaßen wütend machten*

    Das mit dem Diktiergerät und dieses Gefühl, als spricht sie zu uns, war wirklich genial von der Autorin gewesen. Gerade das Ende, wo sie es dann löscht..GENIAL! Das hatte sowas realistisches, echtes, dass es mir da schon dezent einen Schauer über den Rücken lief. Ich empfand alles so wie du, hatte aber auch meine Kritik. *Steht dann in der Rezension*

    Was mich interessieren würde:
    Warst du für das, was Mitch getan hatte? Ich fand es einerseits gut, wie toll er sich um seine Schüler kümmert. Solche Lehrer wünscht man seinen Kindern eigentlich…aber wie er dann Jenna manipulierte.. 🙁 ich weiß, dass er vielleicht keine bösen Absichten hatte, aber normal war es nicht. Ich kann auch immer noch nicht sagen, ob ich ihn dafür weniger mag oder überhaupt nicht. Ich weiß es einfach nicht…denn er scheint sie ja wirklich geliebt zu haben. *Die Szene mit dem Eis..mein armes Herz gefror beinahe…*
    Aber was hatte es mit seiner Frau auf sich? Sagte er da wenigstens die Wahrheit? Hast du da eine Vermutung??
    Das die Autorin das offen ließ, fand ich als eine gute Lösung. Denn das machte das Buch für mich nochmal zu etwas Besonderem, aus dem ich meine eigene Schlüsse zu ziehen habe. ACH ich versteh deine Begeisterung, mir gings genauso. Schön, wenn uns solche Bücher finden!

    Und wie nicht anders zu erwarten: Eine ehrliche und berührende Rezension Liebes. ^.^

    Fühl dich gedrückt & ich hoffe, dass du auch gut in den Tagt starten wirst.

    Ganz liebe Grüße
    ~ Jack

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    • Kitty 11. September 2014 at 11:25

      So, ich komme jetzt endlich auch mal dazu dir zu antworten. Sorry, dass es so lange gedauert hat.

      ACHTUNG SPOILERGEFAHR!

      Mir wäre auch fast das Herz stehen geblieben, als ich gelesen habe, was der Großvater wohl mit Jenna angestellt hat. Ich war so sauer und bin es auch immer noch. Stellenweise habe ich auch gedacht: Reicht es jetzt nicht mal mit dem Stoff, was das Mädel durchmachen muss/te?
      Da hat die Autorin wirklich alles Schreckliche auf sie "abgeladen". Ist doch kein Wunder, dass Jenna so ist, wie sie ist, oder? Ich würde mich da auch zurück ziehen.
      Jaaaa! Die Szene im Badezimmer hat mich auch total geschockt. Wenn ich drüber nachdenke, was mein Bruderherz mit dem Typen gemacht hätte… (Ich sage Bruder, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin – Halbwaise gewesen, jetzt Vollwaise -.-)
      So was erwartet man doch von seinem eigenen Vater nicht. Jeder "normale" hätte den aus dem Haus geprügelt!
      Das Erschreckende daran ist, dass es wirklich so sein kann. Dass es wirklich solche Eltern gibt, solche Schicksalsschläge und solch zerbrechliche Menschen, die das alles genau so ertragen müssen. Und genau das hat mich so mitgenommen, als ich das Buch gelesen habe. Es ist nicht einfach nur mal eben so eine Geschichte, die man sich aus den Fingern saugt, sondern es steckt viel Wahres hinter. Das Buch hallt übrigens immer noch in meinem Kopf nach.

      Ja bei Mitch bin ich auch zwiegespalten. Auf der einen Seite merkt man, wie sehr er Jenna geliebt hat, aber auf der anderen Seite fand ich das Manipulative auch nicht besonders toll. Ich mochte ihn aber. Das, was er getan hat, kann ich zwar wirklich nicht gut heißen, aber ich finde es wurde von den guten Taten, die er Jenna zugefügt hat wieder wett gemacht. Verstehst du, was ich meine? Ich fand es total toll, wie Jenna sich in seiner Gegenwart veränderte. Wie sie endlich mal wieder gelacht hat und glücklich war.
      Umso BESCHISSENER fand ich die Szene am Eis. 🙁 🙁 🙁 Ich habe geheult, wie ein kleines Kind. Auf der einen Seite habe ich mich gefragt, warum die Autorin das gemacht hat, aber auf der anderen Seite passte es einfach. Er hat sich für seine Liebe geopfert. *seufz*

      Ich glaube ihm das, was er bezüglich seiner Frau gesagt hat. Wissen kann ich es natürlich nicht. Ich denke diejenigen, die sich mit Mitch anfreunden konnten und es ihm sozusagen "verziehen" haben, was er getan hat, werden ihm die Sache glauben. Diejenigen, die ihn nicht leiden können und es nicht verzeihen können, werden ihm nicht glauben. Vermutlich ist es Unterschiedlich, was für einen Charakter man hat. Ich glaube immer erstmal an das Gute im Menschen. Also glaube ich auch Mitch. Wenn man da anders "gepolt" ist, kann die Sichtweise eine andere sein.
      Danke, mein Lieber 🙂
      Fühl dich zurück gedrückt
      GlG
      Kitty ♥

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    • Tilly Jack T.R. Jones 12. September 2014 at 4:49

      Gibt nichts zu entschuldigen. 🙂 Ich dachte nur, dass ein kleiner Meinungsaustausch nicht schaden würde. ^.^

      Ohne Mist…und ich dachte am Ende ja noch: HAAA die Mutter hatte es gewusst und wollte so ihren Vater umbringen…Aber ne, es ging ihr nur um ihren Laden. :/ Die arme Jenna. Gebe ich dir recht.
      Vorallem wie sie sich stark zusammengerissen hatte mit dem Ritzen. Eigentlich mag ich das Thema in Büchern nicht ABER hier verstand ich es. Wenn ich bedenke, dass die Autorin selbst mit Jugendlichen arbeitet…da hat sie sicherlich einiges in ihrem Buch verarbeitet. 🙁

      Hätten meine Brüder auch gemacht..es war ja mehr als offensichtlich gewesen, was da vor sich ging. ABER diese Thematik, das Eltern manches gar nicht sehen wollen und ihren Kindern nicht glauben, wurde dadurch sehr gut zur Schau gestellt. kriegt man echt das Gruseln. 🙁
      Das es also in deinen (und auch in meinem) Kopf nachhallt, ist nicht verwunderlich.

      Genau so empfand ich das mit Mitch auch! Ich mochte, mochte ihn dann doch nicht. Wurde nicht so schlau aus ihm, aber seine Tat am Ende bewies alles, was wir wissen musste. Endlich liebte und sorgte sich jemand um Jenna, nur damit er ihr am Ende weggenommen wird. Wirklich ein tragischer Ausgang. *dich drück* Solche Bücher muss es öfters geben, die, die unser Inneres wirklich berühren.
      Ja ich hatte mich das auch gefragt, aber ich denke, dass war für die Autorin DER beweis, wie ernst es ihm war. Und wir haben es absolut abgekauft!

      Mir gehts auch so. Wenn wir allen gleich Misstrauen, wo bleibt dann am Ende die Menschlichkeit? Das im letzten Absatz hast du gut auf den Punkt gebracht.

      Danke für die aufschlussreiche Unterhaltung. ^.^ Wir beide scheinen dieses Buch mit den selben Augen gesehen zu haben. 😀 Und jetzt lasse ich dich mal in Ruhe in deinen Tag starten und wünsche dir derweil schon mal einen guten Rutsch ins Wochenende. <3

      Es grüßt
      ~ Jack

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    • Kitty 13. September 2014 at 10:03

      Ich denke auch, dass die Autorin einiges mit dem Buch verarbeitet hat. Sie muss sich mit dieser Thematik wirklich richtig gut befasst haben, ansonsten hätte sie es nie im Leben geschafft, dass man so viel Mitgefühl für Jenna aufbringen kann.
      Mich gruselt es auch immer noch, wenn ich dran denke, dass manche Eltern Fakten nicht erkennen wollen. Und das ist ja nicht nur in diesem Buch so, sondern auch in der Realität! -.- *Nicht drüber nachdenken*
      Gerne doch. 🙂
      Und jederzeit wieder. 🙂
      So, muss mich mal für die Arbeit fertig machen. Mein Wochenende, wenn man das überhaupt so nennen kann, ist diesmal sehr, sehr kurz. 🙁
      GlG
      Kitty

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