Rezension:
Rowan Coleman – Einfach unvergesslich

Posted on 10. August 2014 by Dörte

 


Piper| 416 Seiten | Leseprobe | Kaufen
Neuerdings weiß Claire nicht mehr, welcher Schuh zu welchem Fuß gehört. Oder wie das orangefarbene Gemüse heißt, das auf dem Herd köchelt. Und manchmal geht sie im Pyjama spazieren. Sie weiß, dass das nicht normal ist. Und so schreibt sie, noch bevor die letzte Erinnerung verblasst, all die großen und kleinen Momente der vergangenen Jahre nieder. Wohl wissend, dass diese Gedankenschnipsel schon bald das Einzige sein werden, was ihrer Familie von ihr bleibt. Dabei gibt es noch so viel zu erledigen: Sie muss sich mit ihrer Tochter versöhnen und ihrem Mann zeigen, wie sie die Lieblingslasagne ihrer Kinder zubereitet. Sie muss ein letztes Mal leben, frei sein, sich vielleicht auch neu verlieben. Denn wenn die Zeit davonrennt, ist jede Minute kostbar.

 

 

 

Claire geht mit ihrer Diagnose sehr gut um.

Sie weiß in „hellen Momenten“ genau, was ihr fehlt und was alles noch passieren wird. Ihre Angst ist für mich spürbar gewesen.
Gregs Verzweiflung ist so greifbar, dass ich mehr als einmal heulen musste. Er ist derjenige, der zwar versucht mit der Situation irgendwie klar zu kommen, es fällt ihm aber absolut nicht leicht. Je mehr er von seiner Frau verliert, verliert er auch an sich selbst.
Ruth ist die Mutter von Claire und hat (leider) schon Erfahrungen damit, was noch alles auf die Familie zukommen wird. Sie tut ihr Bestes um für Claire da zu sein und ist für die gesamte Familie eine enorme Stütze.
Caitlin, die älteste Tochter hat ihr eigenes Paket zu tragen. Doch sie ist so selbstlos, dass sie es fein säuberlich in einer Schublade verschlossen hat, um sich voll und ganz um ihre Familie kümmern zu können. Ihre Verletzlichkeit hat mich sehr berührt.
Ester, das Nesthäkchen ist der Sonnenschein der Familie. Sie versteht noch nicht, was gerade passiert und sorgt mit ihrer unbeschwerten Art regelmäßig für den Lichtstrahl in diesem doch sehr trüben Buch.

„Ich glaube, es wäre einfacher, wenn ich Krebs hätte, dann könnte ich Esther wenigstens immer noch etwas vorlesen und meinen Mann immer noch lieben. Und dürfte noch allein vor die Tür gehen.“ [Claire]

Ich musste mich (zum Glück) noch in keinster Weise mit der Thematik, die dieses Buch behandelt auseinandersetzen. Das was ich wusste, bzw. glaubte zu wissen, waren all die typischen Klischees, die sich mir in den Kopf eingebrannt hatten: Wenn jemand eine solche Krankheit hat, ist dieser garantiert schon älter, wenn nicht sogar sehr alt und ist einfach verwirrt. Von den lichten Momenten habe ich bis ich das Buch gelesen hatte nichts gewusst. Außerdem war ich auch immer der Annahme, dass der/die Betroffene überhaupt keine Ahnung hat, was da mit ihr/ihm passiert, wenn die Krankheit erstmal fortgeschritten ist.
Nun habe ich einen großen Einblick erhalten und bin erschüttert, sensibilisiert und mein aufrichtiges Mitgefühl gilt allen, die das schwere Los dieser Erkrankung gezogen haben, wie auch deren Familien.
Schon am Anfang wird man in die Geschichte von Claire und ihrer Familie hineingezogen und kann das Buch fortan nicht mehr aus der Hand legen. Man nimmt die düstere Stimmung an, die eigentlich nur von wenigen Momenten mal erhellt wird. Ganz besonders die kleine Esther trägt dazu bei, dass man die dunkle Stimmung auch mal durchbrechen kann.

Das Buch ist ein Teil von Mum geworden. Und ein Teil der Familie. Es ist immer da, immer schreibt jemand etwas hinein oder liest darin. Aber bald ist es voll, und davor habe ich Angst. Ich habe Angst, dass, wenn das Buch voll ist, Mums Kopf leer ist. Dass sie dann ganz weg ist.

Die Kapitel sind abwechselnd aus einer anderen Sicht der Familie erzählt worden. Mal spricht Claire selbst, mal ihr Mann, aber auch ihre Mutter sowie ihre älteste Tochter melden sich in der Ich-Form zu Wort. Bei dieser Erzählweise fiel es mir sehr leicht mich mit jedem zu identifizieren und jeden zu verstehen. Rowas Coleman geizt bei keinem von den genannten Personen mit tiefen Einblicken in ihr Gefühlsleben, so dass man die volle Breitseite der Emotionen mit einem Hammer auf den Kopf geklopft kriegt. Ich habe abwechselnd gelacht über Esther und geweint, wenn Claire beschrieben hat, wie es gerade in ihr ausschaut. Die Geschichte berührte mich zutiefst und hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.

 

Es ist absolut schrecklich zu lesen,

wie aus der Claire vom Anfang des Buches irgendwann immer weniger übrig bleibt. Wie sie mehr und mehr vergisst und sich eigentlich im Inneren völlig auflöst. Doch nicht nur diese Tatsache hat mir Tränen in die Augen getrieben, sondern auch wie ihre Familie reagiert und vor allem fühlt. Dadurch, dass wirklich abwechselnd aus einer anderen Perspektive erzählt wurde, bekommt man ein Gefühl davon, was vor allem auch in Caitlin vor sich geht. Die junge Frau möchte ihrer Mutter und ihrer Familie so sehr helfen, dass sie ihre eigenen Probleme völlig in den Hintergrund drängt. Und dies, obwohl ihr Päckchen auch ziemlich schwer ist. Vor so viel Selbstlosigkeit ziehe ich meinen Hut!
Besonders gut (wenn man das überhaupt bei so einer Thematik sagen kann) hat mir gefallen, was die Familie in das „Erinnerungsbuch“ hinein geschrieben hat. Diese Stellen wurden von der Autorin kursiv hervorgehoben. Abwechselnd schreibt immer ein anderes Familienmitglied etwas hinein, klebt vielleicht noch ein Erinnerungsstück mit dabei und erzählt, welches wichtige Ereignis vor Claires Krankheit geschehen ist. Diese, meist kurzen, Kapitel haben mich zutiefst berührt und meistens auch richtig zum Weinen gebracht.

Was von uns übrig bleibt, ist die Liebe, die wir gaben und empfingen. [Claire]
„Einfach unvergesslich“  ist nicht nur berührend geschrieben und voller Emotionen, sondern gewährt einem einen sehr tiefen Einblick in eine Krankheit über die es einfach viel zu viele falsche Vorurteile gibt. Allen voran das es nicht auch eine jüngere Generation treffen kann. Die Autorin hat es geschafft mir die Geschichte lebendig werden zu lassen. Ich habe mich in die Familie hineingedacht, mit ihnen gefühlt und die ganze Angst und Verzweiflung gefühlt. Dieses sogar in vierfacher Ausführung, weil ich absolut alle Emotionen der vier Protagonisten mitgetragen habe.
Es fiel mir schwer das Buch aus der Hand zu legen, weil ich immer mehr und mehr erfahren wollte.
Das Ende ist eine runde Sache. Ich wünschte, ich könnte noch mehr Zeit mit Claire und ihrer Familie verbringen um sie auf ihrem Weg weiterhin begleiten zu können.
Der Titel des Buches ist Programm: Ich werde diesen wundervollen Roman mit Sicherheit immer im Kopf behalten, denn er ist „Einfach unvergesslich“!

♥lichen Dank an den Piper Verlag!

 

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann mach doch auch andere darauf aufmerksam!

7 Comments

  • fingerblueten traeume 10. August 2014 at 23:28

    Hey,

    ich bin eben über deinen Blog gestolpert und folge dir gleich mal 🙂 Du hast es hier sehr schön!

    Das Buch hört sich klasse an. Dabei handelt es sich dabei nicht einmal unbedingt um ein Buch, was ich so lesen würde. Dennoch ist es jetzt dank dir auf meine Wunschliste gerutscht. Vielen Dank für diese Inspiration…

    Liebste Grüße
    Caro
    http://fingerbluetentraeume.blogspot.de/

    Reply
    • Kitty 12. August 2014 at 17:53

      Huhu 🙂
      Vielen Dank. Es freut mich wirklich sehr, dass es dir bei mir gefällt. ♥lich Willkommen. ☺
      Ich war auch eher skeptisch, ob mich die Geschichte packen und vor allem berühren kann, aber es ist echt so voller Gefühl, das mir mehrmals die Tränen liefen.
      Bin schon gespannt, wie es dir gefällt, wenn du es von deiner WuLi befreit und gelesen hast.
      GlG
      Kitty ♥

      Reply
  • lenasbücherwelt 11. August 2014 at 12:47

    Das klingt ja unheimlich gut!:)

    Reply
    • Kitty 12. August 2014 at 17:54

      Ist es auch 😉

      Reply
  • Steffis Bücher Bloggeria 12. August 2014 at 21:03

    Huhu meine Liebe,
    schon wieder ein Pageturner?!? Ich glaub ich hab in letzter Zeit eindeutig die falschen Bücher gelesen :DD Wobei ich heute mit "Wait for you" begonnen habe und bisher bin ich begeistert! Aber das nur mal kurz am Rande *g*
    Nun aber mal zu deiner Rezi:
    Es klingt wirklich unheimlich interessant, aber da meine beiden Omas diese Krankheit sehr ausgeprägt hatten, ist das für mich ein sehr sensibles Thema! Aber ich finde es unheimlich gut, dass die Krankheit nun auch in Büchern thematisiert wird und das es nicht nur eine Krankheit älterer Menschen ist!
    Danke für die sehr bewegende Rezension!
    Liebste Grüße
    Steffi

    Reply
    • Kitty 12. August 2014 at 21:26

      Ja schon wieder ein Pageturner, wobei ich sagen muss, dass ich das Buch bereits im Juni lesen, aber nicht drüber sprechen durfte. Keine Ahnung, wie ich das ausgehalten habe, denn es hat mich so sehr berührt, dass ich am liebsten mit zig Leuten drüber gesprochen hätte.
      Die Thematik ist einfach wundervoll umgesetzt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich einen dicken Kloß im Hals hatte. Und das, obwohl ich im Leben noch nie mit diesem Thema in Verdingung getreten bin.
      Ich denke, wenn du dich (gezwungener Maßen) mit dem Thema schon befassen musstest, wird es bei dir vielleicht noch emotionaler "reinhauen".
      Lies doch einfach mal in die Leseprobe rein?
      GlG
      Und nochmal: Schlaf schön. ♥

      Reply
    • Steffis Bücher Bloggeria 12. August 2014 at 21:34

      Für eine emotionale Achtebahnfahrt ist wohl noch nicht der richtige Zeitpunkt! Aber ich werde es mir auf die Wuli setzen, so wird es zumindest nicht vergessen!
      Gutes Nächtle!!!
      <333

      Reply

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.